Sinniges

 

Inhalt:

         

 

1.      Zeitliches

2.      Werde Mensch

3.      Wie ein Baum

4.      So unendlich

5.      Hoffnung

6.      Verkauft

7.      Teilnahme

8.      Slogan

9.      Elektrisches Sonett

10.  Müssen und Können

11.  Lebenszeit

12.  Morgens

13.  Rückwärts

14.  Langer Tag

15.  Das kleine ABC

16.  Besenfeger

17.  Gedanken im Advent

18.  Sodbrennen

19.  Samstags Nacht allein

20.  Moritat vom letzten Haar

21.  Regen

22.  Verzage nicht

23.  Haben wollen

24.  Nimm es leicht

25.  Sinnige Tiere

26.  Himmelsstürmer

27. Tierversuche

28. Rat

29. Des Knaben Wandlung

30. Des Dichtes Worte

 

 

 

      31. Müde

32. Vokaler Abstieg

33. Partysinn

34. Tag für Tag

35. Manches

36. Eines Freundes Not

37. Geburtstagstoast

38. Die schwarze Witwe

39. Übers Dichten

40. Aufräumen

41. Bilder machen

42. Glücksbringer

43. Diogenes

44. Im Alter

45. So ist es

46. Babystress

47. Das Räuchermännel

48. Lebenslauf

49. Gedanken am Abend

50. An Euterpe

51. Der Plan

52. Der arme Poet

53. Im  Wandel

54. Pergament

55. Perspektiven

56. Der Traum

57. Dem Stromer

58. Dement

59. An mein Vaterhaus

60. Sorbet Sonett

 

   

61. Ganymed

62. Erkältet

63. Generationen

64. Fliehende Gedanken

65. Bedeutung

66. Eines Hahnes Irrtum

67. Da

68. Die Sache mit dem Würfel

69. Modenschau

70. Der Regenbogenfalter

71. Verschwörungstheorie

72. Wenn's mal pressiert

73. Verstehen

74. Eine kleine Bakterie

75. Getrunken habe ich gar viel

76. Des Greises letzte Kreise

77. Viraler Genuß

78. Weltbild einer Fliege

79. Ein Tor am Tor

80 Trunkenheit vorm Friedhof

81. Ikarus' Erben

82. Urlaub

83. Löwenmänner

84. Bislang

85. Mal positiv gedacht

86. Jung und alt

87. Nahrung im Kleinen

88. Viren und Atome

89. Gemeine Wochentage

90. Schreiben müssen

 

91. Des Geizhals Sorgen

92. Am Ende kommt die Wende

93. Mal so, mal so

94. Jahresabschlußrede

95. Philosophenragout

96. Die Wahl

97. Neues Glück

98. Der Erdenkreis

99. Demenströse Verwirrung

100. Chaotische Welt

101. Wie es kommt

102. Elf lebendige Elfchen

103. Warum ich dichte

104. Was fließt die Zeit

105. Ein Elektron im Stromkreis

106. Der Hypochonder

107. Der rote Ball

108. Ehre dem Nichtstun

109. Die Katze auf dem hohen Sims

110. Zeit

111. Kritik der unreinen Vernunft

( . . L A O K O O N - Gruppe . . )

 

Venus von Milo
Nofretete .../... Tut-ench-Amun

 

 

 

Zeitliches

Zeitliches endet an den Stufen der menschlichen Idee.
Räumliches an der menschlichen Tat.
Dimensional eilen unsere Gedanken,
unbeschreibbar, unerreichbar,
ihr wahres Ziel der Zeit.
Des Menschen Werk, des Menschen Kraft-
Schlüssel zur Tür der Erkenntnis.
Hier - dort - überall

[1978]

Werde Mensch

Glocken läuten zum letzten Gang -
begrab deine Eitelkeit!

Das Beil ist scharf, das Feuer an -
richte die schlechte Zeit!

Stoß ins Herz des Bösen
den Dolch der Humanität!

Haß und Neid zerfressen dich -
liquidiere sie noch heut!

Lösche aus die Zwietracht
und den Drang nach Macht!

Werde Mensch!

[1979]

Wie ein Baum

Wie ein Baum
erstreckt sich die Welt
empor aus tiefem Grund,
umfaßt die Sphären,
durchzieht die Zeit,
gibt allen und macht gesund.

Ersteige ihn, und forsche.
Du wirst manches erfahren.
Nicht Stunden dauert's,
nicht Tage -
bedarf dem Werk von Jahren.

[1979]

So unendlich

So unendlich Raum und Zeit auch sein mögen,
so sind sie doch für den Menschen
wenn schon nicht vorstellbar,
so doch begreifbar

Bedingung ist:
- Mensch zu werden
- Mensch zu sein
- Mensch zu bleiben!

[1980]

Hoffnung

So wie die Lerche singt ihr Lied,
der Bach in seinem Bette zieht,
der Wald sich hoch emporgestreckt
und nicht des Jägers Ruf das Wild erschreckt -

So seist auch du - und ich - und all
in der Natur und Welt ein mächt'ger Wall.

[1980]

Verkauft

Verkauft durch des Schicksals Macht -
Erzogen durch das Leben,
stark und sacht -
Steh nun an der Stelle zum Erwachsen sein -
Versuchte viel, doch blieb allein.

[1980]

Teilnahme

Und so erleb ich neu
des Tages weite Bahn,
und finde Glück und Zuversicht
in mein' Gedanken Heim.

Glück und Zuversicht
in weitem Raum!

Und drängt mich die Welt,
so nehm ich teil
am Kampf um der Wahrheit hohem Ziel.

[1981]

Slogan

Gefährlich ist's mit Gas zu heizen -
Verdrießlich Ölheizungsgestank -
Nur Nachtstrom trennt die Spreu vom Weizen,
dann kommt Elektro-Thiele, Gott sei Dank!

[1997]

Elektrisches Sonett

Die Welt war anfangs ziemlich dunkel.
Nur Feuer brachte hellen Schein
in Schatten und Behausung rein;
gleichwohl als flackerndes Gefunkel.

Bewegung bringt dem Menschen Ehren.
Ob er sich selbst, ob seine Last,
ihm Tiere helfen, ohne Rast,
Wohlstand ihm Wind und Wasser mehren.

Noch weiter sind in unsren Jahren
die Menschen auf der ganzen Welt
verbunden durch ein neu Verfahren.

Wenn mancher auch aus Wolken fällt
und Unglück zieht an seinen Haaren;
E-Technik unser Wohl erhellt
.

[1999]

Müssen und Können

In einem Örtchen stille,
da sitzt ein kleiner Mann.
Es ist sein einzig Wille,
zu schaffen was er kann.
Doch bringt er nichts zustande,
wie er sich auch bemüht.
Das ist in unsrem Lande
weit um das gleiche Lied.

Derweil im Nachbarhause,
bedeckt von Marmorzier,
nebst einer goldnen Brause,
wirkt da ein großes Tier.
Ihm stehet alles offen.
Ein Fingerzeig trägt Frucht.
Uns bleibt nur noch zu hoffen,
auch mit der nöt'gen Zucht.

[1999]

Lebenszeit

Jüngst war es;
kaum, daß ich mich noch erinnre.
Was ist die Zeit?
Ein Leben, Stundenschlag.
Die Blätter fallen,
junges Grün will sprießen.
Im Sommerlicht
wird eine weiße Welt zum Tag.

Geboren erst,
am Stocke geh'n die Greise
voll Lebensmut und Glück
an ihrer zarten Hand.
Ein Windhauch bläst,
im Kreise zieh'n die freien.
Nicht festgesetzt
wo Wasser ist und wo ist Land.

Hier sitze ich;
ein leeres Blatt geht mir zur Neige.
Das Ende ist
des Anfangs allererster Sohn.
Was nützt es uns
im Sinne sich zu suchen?
Der Augenblick
ist Räderwerk und einzig Lohn.

[1999]

Morgens

Heute in des Morgens Frühe,
wenn der Hähne Schrei ertönt
und das Muhen vieler Kühe
Bauers Ohrmuschel verwöhnt,
steh ich auf, mich einzugeben
in des Tages Müh und Plag.
Denn nur dem gehört das Leben,
der sich anstrengt jeden Tag.

Also renn ich, unaufhaltsam
meinen Weg bergauf, bergab.
Zum Gewinnen ist es ratsam,
daß man ständig ist im Trab.
Freilich kann man 's übertreiben.
Und so mancher schafft es nie,
selber sich ganz treu zu bleiben
und fällt deshalb in die Knie.

Daß mir dieses nicht geschähe,
sei ich allzeit auf der Hut.
Hab zwar Augen in der Nähe,
doch der Abstand tut mir gut.
Jener Abstand den ich brauche,
um im Leben Mensch zu sein.
Weder Schinken dort im Rauche,
noch ein Kork im sauren Wein.


[1999]

Rückwärts

Ertrinkt die Nacht am Tageslicht
stirbt lautlos mancher Jubelschrei
und alte Leiden, neu erdacht,
erheben gleich Dämonen sich
aus Wunden, längst noch nicht verheilt
und Schmerzen,
die so ganz vertraut mir scheinen,
geleiten mich zum eignen Schlund,
zum ewig gleichen Reigen.

[2000]

Langer Tag

Verrückte Zeit
Die Füße greifen
Meilenweit
Sich gegenseitig
Raum
Im schwangeren Gefühl
Sich mühsam
Einzugeben
Im Taggewühl
Ein Tropfen
Heißt das Leben

[2000]

Das kleine ABC

Am Beginn chattet Dora
eignes für ganz heiße Igel,
jagt Karola liebe Männer
noch ohne Pauls Qualitäten,
rennt Susanne tapfer und verfolgt
wieder Xavers Ypsilon zurück.

[2001]

Besenfeger

Du alter Besen,
Du bist's gewesen.
Du hast die ganze Zeit nur Mist gemacht.

Du altes Luder,
in Kopf nur Puder.
Du hast noch nie was in die Welt gebracht.

Doch in dem Zimmer,
ich glaub es nimmer,
da hat es gestern abend funktioniert.

Bei all den Sachen,
die wir jetzt machen,

hast du uns ganz schön vorgeführt
.

[2001]

Gedanken im Advent

Wenn im weihnachtlichen Glanze
sich die Welt vom Jahr erholt
und bei Licht und Duft vom Kranze
schnell noch mal die Seel' besohlt,
dann ergreift uns tiefes Denken.
Wir erahnen Großes neu.
Doch bevor wir wirklich schenken,
bleiben wir dem Kleinen treu.

Immerfort die gleichen Lieder.
Immerfort der gleiche Tanz.
Gäbe es den Anfang wieder,
wär's doch auch nur matter Glanz.
Bleibt uns denn bei all dem Hoffen
wirklich nur das kleine Glück?
Bleibt uns nie die Zukunft offen?
Geht's letztendlich doch zurück?

Jahr für Jahr zerbricht zu Scherben
manche schöne neue Welt
und uns graut vor dem Verderben,
vor das wir uns selbst gestellt.
Dennoch möcht' ich stolz bekunden,
trüg' es mir auch Prügel ein,
daß ich dieses Jahr, in allen Stunden
glücklich war, tagaus, tagein.

[2001]

Sodbrennen

Tief im Innern brennt die Säure
mir das Fleisch vom Magen ab.
Alle Schmerzen, alle Sorgen
halten mich im Krampf auf Trab.

Ist der Wind, der mir als Herbststurm
meine heile Welt zerzaust
wirklich nur ein Spuk von draußen,
der um meinen Körper saust.

Nehme ich nicht alle Freude,
die mein neues Leben ziert,
dankbar auf und geb' sie weiter,
daß sie uns zum Schönen führt.

Was beschwert an diesem Abend
denn nur brennend heiß mein Herz?
Was denn nur läßt mich nicht schlafen?
Welche Nichtigkeit wird Schmerz?

Auf der Arbeit läuft es bestens;
hier und da ein kleines Loch.
Selbst der Alltag wird zum Pendel,
wäre da nicht amtlich Joch.

Ach! ich will doch glücklich nennen
mich und meine neue Welt.
Glücklich bin ich und ich fühle,
eigentlich mir gar nichts fehlt.

Aber dennoch bleiben Fragen,
was in mir mich so zerreißt
und die Worte, die mir fehlen,
die beschreiben, wie es heißt.

[2002]

Samstags Nacht allein

 

Da liege ich nun hier

gedanklich auch auf großer Fahrt

zu Orten die ich mir ersinne

und doch nicht wirklich will,

weil keine Linderung sie sind.

 

Und hänge in den Seilen.

Was soll da alles Reden?

Ich weiß ja selbst genau,

mein Leben ist nur kurz mal aus

und kommt schon bald zurück.

 

Und dennoch bin ich leer.

Vergrabe mich in alten Spielereien.

Bin ausgebrannt.

Der Sinn des Lebens völlig leer.

 

Und selbst die Worte hier,

die ich versuche zu fixieren,

verspringen mir, obwohl genau

wie mir das Leben ihnen fehlt.

 

Ich möchte dieses Blatt zerreißen.

Ach du, zerknüllen möchte ich es,

weil es mir dich nicht bringt.

 

Trotzdem zeigt es mir überdeutlich

wie sehr ich deinem hier bedarf,

dein Dasein mich bestimmt.

 

 [2002]

Moritat vom letzten Haar

 

Ein einzig Haar, das stand mal stumm

und einsam um sich selbst herum.

Die andern Haare, schon seit Jahren,

sind still aus ihrer Haut gefahren.

 

Und ob nun Regen fiel, ob Sonne,

dem einen Haar war’s keine Wonne.

Es konnt’ sich biegen und sich strecken;

auf kahler Haut gibt’s kein Verstecken.

 

Wie hätte es sich gern in Wogen

mit all den andern sanft gebogen.

Es dacht’ zurück an alte Zeiten;

sich dichter Haarschopf tat verbreiten.

 

Als Zierde für den Herrn von Welt

es schön gepflegt für wenig Geld.

Und selbst zu wilden Knabentagen

hat es der Bursche gern getragen.

 

Mal war es kurz, mal fiel es munter

bis auf die breiten Schultern runter.

Doch diese Tage sind dahin.

Nun wallt kein Zopf mehr bis zum Kinn.

 

Und unser Haar muß eingestehen,

auch es muß eines Tages gehen.

Da hilft kein Jammern und kein Flennen.

Man muß es halt beim Namen nennen.

 

Die Dinge nehmen ihren Lauf.

Drum nutz die Zeit, geht sie bergauf.

Denn bist du oben angekommen,

geht’s nur bergab, wird abgenommen.

 

 [2003]

 

 

Regen

Geballte Kraft

stürzt nieder sich aus großer Höh

und mitten aus dem triefend schweren Dunst.

 

Schaut nur!

Er wälzt mit seinesgleichen sich

gar wild und fürchterlich dem Meere zu.

 

Doch auch

die totgeglaubte Welt wird im Gedürr

durch ihn zu neuer Kraft belebt.

 

Labsal und Pein.

Wie eng sie beieinander liegen

und nur das Maß bricht über uns den Stab.

 [2003]

 

 

Verzage nicht

 

Verzage nicht,

und schlagen sie

mit weidengleicher Lust

und Gier

auch auf dich ein.

So bist du wohl

in meiner Welt

und sicher,

glücklich aufgehoben.

 

Verzage nicht,

und suchen sie

in neidzerfreßne Tiefen

zu ihrer Freud

und deinem Leid

dich ihnen gleich hinab zuziehen.

Gemeinsam sind ein mächtig Werk

wir,

dem Ungemach zu widersteh’n.

 

[2003]

 

 

Haben wollen

 

Ein Mäuschen saß auf einem Stein

und wollte in das Haus hinein.

Kaum war sie drin, die kleine Maus,

da wollte sie schon wieder raus.

 

So geht’s auch Menschen oft im Leben,

was sie nicht haben, woll’n sie eben.

Und können sie es dann besitzen,

als Eigentümer sie schnell schwitzen.

 

Drum merke dir, du kleiner Mann,

nutz mit Bedacht dein Habgespann.

Denn hast du es erst weggebogen,

brauchst du ´s bestimmt, ganz ungelogen

 

 [2003]

 

Nimm es leicht

 

Wenn’s Leben dir auch Streiche spielt,

dein Weib dich stets am Bändchen hielt

bislang und auch dein Chef Dich schröpfte,

dich dein Gefühl bisweilen köpfte,

so denke an die schönen Tage,

denn es ist wirklich keine Frage,

was auch der Alltag dir beschert,

ist nicht nur Pein und Plage wert.

 

Versuchst du dich durchs Heim zu schleichen,

doch alle Pläne werden Leichen

noch ehe du sie wahrgemacht,

bei Tage wie in finstrer Nacht

und selbst ein strohhalmvoller Haufen

hält dich nicht auf schier abzusaufen;

was auch der Alltag dir beschert,

ist nicht nur Pein und Plage wert.

 

Erfreue dich am kleinen Glück,

das große Pech kommt eh zurück.

Und ehe du dich recht versiehst,

es dich mit Strähnen übergießt.

Verzage nicht der Nackenschläge,

was soll’s, des Schicksals scharfe Säge

ist ohnehin an deinen Pfad gesetzt.

Drum lache drauf und lach zuletzt,

was auch der Alltag dir beschert,

ist nicht nur Pein und Plage wert.

 

 [2004]

 

Sinnige Tiere


In einem tiefen Graben,

da saßen einst zwei Raben.

Sie hatten nichts zu tun

als stets sich auszuruh’n.

 

Doch als ein Wind gekommen,

sie in die Pflicht genommen,

da flogen sie schnell fort

an einen andren Ort.

 

Mitunter geht’s den Leuten,

den dummen wie gescheiten,

nicht anders als den Raben,

sofern sie Unlust haben.

 

Wenn sich Stiere tief verneigen,

tun sie dies, um Horn zu zeigen.

Senkt hingegen Max den Kopf,

ist es meist ein alter Zopf.

 

Und im Wasser, bei den Fischen,

gäb es scheinbar viel zu wischen,

wär es ohnehin nicht naß,

übervoll das Tagesfaß.

 

Wie die Schlangen, die sich strecken,

so die Spinnen, die verstecken

sich an jedem Tag aufs neu.

Bleiben ihren Genen treu.

 

Bloß der Mensch sucht mit Bedacht

wie er alles anders macht.

Anders als noch so grad eben.

Und das nennt er göttlich leben.

 

Rennt mit seinem Kopf durch Wände,

um zu sehen dann am Ende,

daß ihn das, was er gemacht

nicht viel weiter hat gebracht.

 

 [2004]

 

Himmelsstürmer

 

Fliege, Vogel, in die Lüfte.

Fliege hoch zum Firmament.

Zeig uns Menschen hier am Boden

Wie man Freiheit wirklich nennt.

Und gib Rat dem der verzweifelt

Sucht des Lebens Unterhalt.

Zeig den Sinn uns auf, das Wesen,

In der Welt voll Zwang den Spalt.

 

Eins sollst sein du mit den Wolken,

Stets entfernt von Armbrustfeil’n,

Wind und Wetter dich verschonen,

Dein Gefieder nicht entweih’n.

Lasse deinen Ruf erschallen,

Daß wir gleich dir aufersteh’n

Und gemeinsam im Gefüge

Der Natur nach vorne seh’n.

 

 [2005]

 

 Tierversuche

Wenn der Buschmann geht zur Ruh,

schauen ihm die Löwen zu.

Sägt er dann nach Stammesbrauch,

füllen sie sich ihren Bauch.

 

Und wenn mal der Spinnenmann

gleichwohl will, doch nicht mehr kann,

fällt er und das ist sein Ende

in der Gattin tödlich Hände.

 

Dort wo die Gazellen springen,

hört man selten Affen singen.

Denn mit Paviangeschrei

lockt man keinen Gast herbei.

 

Und im Fluß der Krokodile

führt schnell schwimmen oft zum Ziele.

Andre woll’n nur trinken, schlucken.

Fehlt’s an Vorsicht: letztes Zucken.

 

Nur die mit den dicken Häuten

stört es nicht und sie vergeuden

maßlos jeden Schlucken Wasser,

daß sie werden innen nasser.

 

Somit sagen uns die Tiere,

ob im Kreise, im Geviere,

jeder Anfang hat sein’ Schluß.

Selbst des Glückes Hochgenuß.

 

 [2006]

 

 Rat

Hör zu, was ich dir heute sage.

Sonst näherst du dich bald dem Grabe.

Wirst schneller als gedacht dann kalt

und keine hundert Jahre alt.

 

Ernähr dich sanft und ohne Eile.

Genieß dein Leben jene Weile

die du hier auf der Erde wandelst

und möglichst mit Geschick auch handelst.

 

Versuche eins zu sein mit allen.

Bin sicher, es wird dir gefallen

ein Teil vom großen Werk zu sein,

sonst bleibst du schwach und bist allein.

 

 [2006]

 

Des Knaben Wandlung

 

Er hat’s geschafft,

des Stammes jüngster Sprießer.

Nicht immer er

erfolgreich im Parcours.

Von Anfang an

und jedermann ein Süßer

genannt und nun

schlug ihm die andre Uhr.

Die neue Welt

erfüllt ihn mit Erbauung.

Ein jeder Tag

bringt ihn der Zukunft nah.

Das was ihm schien

zum Zwecke der Beschauung

ist heute erst

nach zünftig’ Schaffen da.

Was mancherorts

an Steinen sich erhebet

lag brach und flach

ihm unbekannt im Sinn.

Nun trägt er ’s froh

und stolz und schwebet

zu neuen Ufern

mit gehobnem Kinn.

  

 [2007]

 

Des Dichters Worte

 

Sprach zu mir ein großer Dichter:

Unsre Welt wird immer lichter,

wie der Umgang immer gröber,

so der Anspruch immer schnöder.

 

Sprach zu mir ein großer Dichter:

Jeder fühlt sich just als Richter.

Wie er Nachbars Schicksal lenkt

und dabei an sich nur denkt.

 

Sprach zu mir ein großer Dichter:

Schaut man heute in Gesichter,

sieht man nur mehr nur Verdruß,

was sich schleunigst ändern muß.

 

Und ich denk in meinem Sinne:

Recht hat er, des Wortes Minne.

Schlechte Bilder muß man kennen

und bei ihrem Namen nennen.

 

[2007]

 

 

Müde

 

Er sitzt entrückt

im Dunkel seiner Wünsche;

nichts sagend und

bar nennenswerter Lust.

Sein Körper zeigt

mit gnadenloser Härte,

was unlängst noch

sein Geist ihm hübsch verbarg.

 

Die Zeit verrinnt.

Sekunden werden Stunden.

Und jeder Schritt

gleicht einem langen Tag.

 

Die Jugend, die

fast sehnsuchtsvoll erhalten,

hier taucht sie ab,

im Taumel extensiver Frist.

So merkt er 's nun,

was andre schon seit langem,

wie ohnmachtvoll

sein Gleiten durch 's Geschick.

 

[2008]

 

Vokaler Abstieg

 

’s war kurz nach achte,

als ich erwachte

und dachte

sachte.

 

was ich hab zu geben

in meinem Leben –

zum streben

eben.

 

denn so ist es immer,

ohne Gewimmer

wird’s schlimmer

nimmer.

 

was zur Pflicht erhoben

wird gar verschoben

von ’n Roben

oben.

 

und wir dreh’n Runden

Minuten, Stunden

im wunden

unten.

 

[2008]

 

Partysinn

 

Freitag nacht war’s noch Musik,

Samstags Morgen nur noch Chaos.

Wenn man nüchtern es besieht,

fragt man sich, War da was los?

 

Jeder Tag hat seine Chance.

Nutze ihn mit recht Bedacht.

Sonst verläuft sich noch das ganze

und verlierst dein Glück mit Macht.

 

[2008]

 

 

Tag für Tag

 

Als die Sonne sich am Morgen

scheinbar aus dem Bett erhob

und die Nacht mit alten Sorgen

sich am Himmel westwärts schob,

schuf ich mir ein neues Leben,

schuf mir einen neuen Tag.

Hieß ich meinen Körper heben

sich zu raffen ohne Klag.

 

Schnell zum Bade hinzukommen

war mein allererstes Ziel.

Meine Augen noch verschwommen,

sah im Spiegel ich nicht viel;

was jedoch mit kühlem Wasser

sich alsbald verändern ließ.

Auch die Zähne wurden blasser,

als ich durch die Zahncreme blies.

 

Doch als Jungfrau blieb nicht lange

dieser makellose Schein.

Brot mit Butter in der Schlange

aß ich hungrig in mich rein,

um zu stärken meine Knochen

für des Tages Aufenthalt,

der mich drängt in diesen Wochen.

Fürwahr, Arbeit läßt nicht kalt.

 

Also nicht so lang verweilet

in der Wohnung warmen Hort.

In die Schuhe und dann eilet

Füße flugs in einem fort.

Geht’s zur Bahn jetzt, geht’s zum Wagen?

Das ist nicht der Frage wert.

Übers Wetter läßt sich klagen,

doch das ist ja eh verkehrt.

 

Bin zum Broterwerb erschienen

alsdann ich nach kurzer Fahrt.

Ob im Freien, ob in Minen,

ob gewaltig oder zart,

das sollt keine Rolle spielen.

Dennoch gibt es oft Verdruß

wenn man schafft und muß doch fühlen;

unterschiedlich herrscht der Schluß!

 

Doch was soll ich mich beklagen?

Ist nun mal auf Erden so.

War schon so seit Jahr und Tagen.

Ob’s sich ändert? Sag mal, wo?

Nun denn streifen die Sekunden,

manchmal geht’s auch ziemlich schnell,

um die Uhr und werden Stunden.

Auf dem Heimweg ist’s noch hell.

 

In der Heimstatt angekommen

schloß ich schnell die Türen zu.

Manchmal bin ich noch benommen,

gehe trotzdem nicht zur Ruh’.

Weil des Abends seichte Mühen

gelten mir des Tages Plag.

Wenn auch nicht die Felder blühen,

lohnt des Augenblicks Ertrag.

 

Heute jedoch ging’s beizeiten

nach dem Abendbrotgenuß

tief hinein in Badesfreuden.

Lohn dafür manch zarter Kuß,

den mein Weib und ich uns schenkten

unterm heißen Brausestrahl.

Fühlten, daß wir gleiches denken.

Trafen auch die gleiche Wahl.

 

Hier nun mocht’ der Zeuge schweigen.

Ohnehin weiß man Bescheid.

Ob’s wohl Pauken sind, ob Geigen? –

Dann herrscht Stille! Seeligkeit.

Gleichsam mit des Paares Augen

sank die Sonn’ zur Tagesruh.

Wenn jetzt auch die Schatten saugen,

geht’s schon morgen heller zu.

 

[2008]

 

Manches

 

Mancher Satz ward oft geschrieben;

manches Wort oft hingesagt.

Manches Bildnis zeigt in Zügen,

was die Stimme niemals wagt.

 

Mancher Held verharrt in Schweigen.

Mancher Feigling trumpft frech auf,

dort wo in des Schicksals Zweigen

das Geschick nimmt seinen Lauf.

 

Manche Posse wird verwegen

als ein großes Werk gelobt.

Manche gute Tat hingegen

von manch Dummen schnell versnobt.

 

Manches, was uns gülden dünket,

ist bekanntlich falscher Schein.

Mancher Wein, den mancher trinket,

schmeckt durch Mode nur allein.

 

Mancher Hund bellt mit dem Schwanze.

Manches Hemd hüllt ganz uns ein.

Wenn der Rock auch wird zur Schanze,

reicht zum Sturz ein kleiner Stein.

 

[2008]

 

Eines Freundes Not

Es sprach ein Freund, als jüngst er war betrunken,

zu mir, daß er nicht wüßt’ sich zu verhalten

in einer Sache. „Blieb’ sie doch beim alten

und wäre nicht im Wandel oft versunken.“

 

Drum sollt’ zu ihm ich ehrlich sein, nicht unken.

Ich bat ihn drauf, er wäre doch gehalten

zu sagen mir, wie könnte ich gestalten

die Lösung, die er nirgends hat gefunden.

 

Es sei mal wieder schlimm mit diesem Glase.

Ob er die Augen nimmt, ob seine Nase,

stets ausgeleert zeigt sich der Becherrund.

 

Und gäb' er noch so viel vom reinen Wein

in des Töpfers herrlich Meisterstück hinein,

sieht er nach kurzer Zeit des Humpen Grund.

 

[2008]

 

Geburtstagstost

Man sagt so gern beim Jubelfeste,
es sind erschienen deine Gäste,
um dich und deine Tat zu feiern.
Ich freilich will dies heut nicht leiern.

Du blickst zurück auf langes Leben.
Hast manchem Kind das Zeug gegeben,
aus diesem Stoß auch was zu machen.
Wem es gelang, kann heute lachen.

Sie warn nicht leicht, oft deine Tage
und ungeklärt blieb manche Frage.
Auch Tränen mußten manchmal rollen,
wenn’s nicht gelang, wie’s hätte sollen.

Ab nunmehr, sollten Tränen fallen,
wünsch ich im Namen von uns allen,
daß jeder Grund entstammt der Freude.
Drauf heb das Glas ich hier und heute.

 

[2008]

 

Die schwarze Witwe

Die Witwe saß verschmitzt durch ihren Schleier lächelnd
auf einem Hocker rückwärts zu 'nem Tisch gewandt.
Derweil bereits ein gutes Dutzend Opfer hechelnd
sich ihr zu Füßen Suizid gefährdet fand.

Das eine Bein gekonnt über's andre Knie geschlagen,
drauf ruhte scheinbar reglos ihre heiße Hand.
Dann winkte sie graziös dem, der vor Tagen
noch nicht mit einem Bein im Grabe stand.

Ein neuer Mann, zum einmaligen Gebrauche,
ward ausgewählt zu folgen ihr ins Witwenland
des heißen Feuers und im bitter-süßen Rauche,
zu finden schließlich seinen eignen Lebensrand.

 

[2010]

 

Übers Dichten

Dem Minnen wird der Minnesang,
wenn gut gemacht, er nicht zu lang.
Nur wenn das Reimen heftig holpert,
der Dichter übers Versmaß stolpert.

Er halte sich geziemt zurück.
Denn oft zählt mehr das kleine Glück
für sich was Schönes zu verfassen,
statt Wortsalat für tumbe Massen.

So kann man jederzeit erkennen,
ob er beim Dichten tat verpennen,
was man wenn man es richtig wollte,
beim Schreiben stets beachten sollte.

Setz wohlbedacht den Vers zusammen,
Verzichte Worte fest zu rammen
zu einem Wulst aus Nützlichkeit.
Dann kommst du in der Kunst auch weit.

Harmonisch müssen Sätze fließen.
Dann wird der Leser dich gern grüßen
von weitem schon, denn nicht ist bang
ihm vor dem nächsten Minnesang
.  

 

[2012]

 

Aufräumen

Ich steh' in Vaters Rumpelkammer
und denke mir, es ist ein Jammer,
was alles sich hier angesammelt
und leise vor sich hin nun gammelt.

Was kann hier weg, was wird man brauchen?
Findet man's schnell? Muß tief man tauchen
in jenen wüsten Sperrmüllhaufen,
um nicht das gleiche neu zu kaufen?

Doch braucht man's wirklich alle Tage?
Ob jemals wieder, ist die Frage!
Weiß man es noch in ein paar Jahren?
Ich glaub, ich will es nie erfahren.

 

[2012]

 

Bilder machen

Wollt früher man der Nachwelt zeigen,
wo jagen man könnt‘ Hirsche, Feigen
und Beeren pflücken von dem Strauch
Auf Stein man malte. War halt Brauch.

Auch später noch, in der Antike,
schlug Bilder man in Felsen schnieke.
Nahm dann Papyrus, nahm Papier.
Doch stets mit Hand im Kunstquartier.

Selbst als die alten Landesfürsten
nach Bildern ihrer Nasen dürsten
gab es fürwahr nur eine Wahl,
zu schaffen dies mit Malermal.

Erst als das Licht war neu erfunden
Und stehen mußt man für Sekunden,
konnt‘ Bilder schießen man ganz schnell,
ob dunkel es war oder hell.

Heut‘ kann man, fast ist es Magie,
die Umwelt bannen wie noch nie
bereits auf ein ganz kleines Stück
Silizium. Fast zum Stein zurück.

 

[2012]

 

Glücksbringer

Mein Bärchen sitzt im Grase still verborgen,
um Glück zu bringen, täglich Sonnenschein.
Gleich dem Marienkäfer nie allein,
daß schnell entfliehen Unheil mir und Sorgen.

Doch nicht am Gelde soll das Glück mir hängen.
Mitunter braucht es gar nicht mal so viel.
Mehr noch sei unser angestrebtes Ziel,
des Schicksals Lauf mit Hammerkraft zu drängen.

Mag‘s anfangs aus dem Dunkel sacht nur leuchten.
So ist es mehr, als was zwei Menschen bräuchten,
wenn sie verbindet ein gemeinsam Herz.

Dann findet sich, was manche niemals finden,
und wenn sie um Symbole schier sich winden.
Ein lieber Kuß vertreibt uns jeden Schmerz.


[2013]

 

Diogenes

Diogenes, welch wunderbare Wonne
erlebst du wohl in deiner eignen Tonne.
Herzlichst gesteht man dieses dir gern zu.

Zumal so manche von uns lieben Leuten
sich selbst auch kurz am Rückzugsgeist erfreuten,
da oftmals Streß Feind lang ersehnter Ruh.

Bedenk jedoch, daß Abgeschiedenheiten
die Menschen selten ganzheitlich begleiten,
derweil sie dem Einzelnen die Freude stiehlt.

Drum komm heraus aus deinem Holzgestade,
denn mit der Zeit wird selbst der Kriegslohn fade,
weil ganz gewiß man irgendwann aufs Neue schielt.


[2013]

 

Im Alter

Das Alter läutet voll sich ein.
Die Jahre werden kürzer.
Kein Regen wird zum Sonnenschein
und Beugen wirkt gestürzter.

Der Jugendwahn trägt nur Verdruß
seit tausenden Minuten.
Wer nun etwas bewirken muß,
der sollte sich recht sputen.


[2015]

So ist es

Man kann es drehen, kann es wenden,
stets ist man doch in fremden Händen.
Ist eingeengt in Mühen, Plagen
und für uns kaum noch zu ertragen.
Doch Jammern hilft nicht. Auch kein Flehen.
Muß Schritt für Schritt durchs Leben gehen.


[2018]

Babystress

Renne, eile, stürme!
Überspringe Türme!
Nimm in die Hand die Beine!
Zerreiße deine Leine!
Zu neuen Ufern fliege!
Du Wurm, dort in der Wiege.

Was deine Eltern nicht gebracht,
das schaff gefälligst über Nacht.
Verkaufe dich in aller Schnelle.
Sei jederzeit bereit, zur Stelle.
Erring statt Niederlagen Siege.
Du teurer Nachwuchs in der Wiege.

Hast lang genug im Bauch gelegen.
Nun ist es Zeit dich zu bewegen.
Bring Geld uns und auch Anerkennung.
Erzeuge Nutzen noch bei Trennung.
Gottlob spielst du in meiner Riege.
Du Nonplusultra in der Wiege.



[2019]

Das Räuchermännel

Es stand ein Wichtelmann aus Holz
am Fenster und war ziemlich stolz.
Er konnte so die Welt betrachten
ohne Gefahren zu beachten.
Rauchte sein Pfeifchen in der Stille.
Tat grad, als sei’s sein eigner Wille.
Glaubte, er müßt sich um nichts scheren.
Sein Wohlgenuß wird sich schon mehren.
Verhielt er sich dabei auch stur,
blieb Asche doch im Innern nur.


[2019]

Lebenslauf

Neugeboren, dann die ersten Schritte
auf das Töpfchen. Kindergarten bitte.
Schulanfang und dann zehn Jahre später
Wunschberuf nach dem Wunsch der Väter.
So lief es ab, das Leben kleiner Leute.
War früher so; doch ist es so noch heute?

In kurzer Zeit gab’s einen großen Wandel.
Mehr als das Leben dominiert der Handel
den Tageslauf, das große Weltgeschehen.
Ein jeder Mensch muß hierbei lernend sehen,
daß nicht im stets und ständigen Gewühle
ihm kommen ab die selbst gesteckten Ziele,
daß ihm der Lohn der Arbeit seiner Hände
zum Leben reicht an Tagen seiner Rente,
daß er darin die rechten Wege findet,
bevor sein Ende schmerzhaft sich ankündet.


[2019]

Gedanken am Abend

Ich dachte jüngst, die Welt, sie würde dämmern
im Lichte unbenannter Kümmernis.
Doch wie mir scheint, durchdringt bei schwarzen Lämmern
manch Geistes Blitz des Menschen Düsternis.

Wir haben uns den neusten Weg gegeben.
Beschreiten ihn mit ungekanntem Schwung.
Wohin jedoch wir strömend uns bewegen?
Nicht relevant! Mag alt man sein, mag jung.

Da greifen Moden um sich, Varianten.
Meist ohne Sinn und inneren Verstand.
Befreit von Vettern und dem Rat der Tanten,
gerät das Neue außer Rand und Band.

Ob es sich um den Geist der Sprache handelt,
wie Frau und Mann sich genderhaft benennt
und somit dann auf flacher Erde wandelt,
anstatt wie früher übern Globus rennt.

Zwar sind die Grenzen einerseits bezwungen,
die eingeengt die menschliche Natur.
Doch ist bei weitem längst noch nicht gelungen,
Vorauszuschauen. Dummheit hält sich stur.

Die Doofen scheinen zum Olymp gezogen
und alle Welt, sie jubelt ihnen zu.
Ein jeder fühlt sogar sich gern belogen,
wenn er nur hat in seinem Denken Ruh‘.

Alsbald sieht man wie alte Allianzen
am neuen Bild der Politik vergehn,
und wie hervorgequollne Pomeranzen
am Anstoßkreis des Unterganges stehn.

Es suchen ganze Völker neue Räume.
Verlassen ihrer Heimat blutend Schoß.
Manch Herrscher sonnt sich und verfällt in Träume,
wovon man dachte, ihrer wär man los.

Was uns umgibt, gebärt genug Bedeutung,
als daß man es mit schnöder Arroganz
verspielt verspielt, denn mit der nächsten Häutung
lädt uns das Schicksal ein zum letzten Tanz.


[2019]

 

An Euterpe

Sag Muse mir, welch segensreiche Fügung
hat dich an meine Wohnungstür gebracht?
Und wie soll ich, trotz tagtäglicher Übung,
genauso sein, wie du es dir gedacht?
Wenn schwarz auf weiß ich sorgsam Worte setze,
dann ist’s, als ob von Reim zu Reim ich hetze.

Die Harmonie ist eine schöne Sache,
wenn sie dem Inhalt und der Form gerecht.
Doch wehe mir, daß in dem schweren Fache
ich strapazier. Denn dann gedeiht es schlecht.
Geschrieben stehn im Fachbuch kluge Dinge.
Nur sag, wie bind ich eins und eins zum Ringe.

Euterpe schau, was jetzt in neuer Weise
sich zeigt, gleich wenn noch alles nicht geschafft.
Mißfällt es dir, vergiß, daß ich‘s zerreiße.
Aus jedem Schritt gewinne ich mehr Kraft.
In einem fort fühl ich das Leben schreiten.
Und ich? Ich kann’s mit Vers auf Vers begleiten.


[2019]

Der Plan

Ach, es sind noch ein paar Stunden,
eh das große Werk vollbracht.
Also dreh ich meine Runden,
bis das wahr wird, was gedacht.

Als ich aufstand, war noch dunkel,
was der neue Tag enthüllt,
just darauf entstand Gemunkel,
ob sich wohl der Speicher füllt.

Schritt für Schritt zog sich der Handel
in die Länge. Ob‘s behagt?
Ab und zu gab‘s einen Wandel.
Mal gewollt, mal ungefragt.

Für das Ziel ward übersprungen
jede Hürde ohne Wahl.
War der Abschnitt wohl gelungen,
längst vergessen manche Qual.

Erst zum Ende hin gelangen
mehr Gedanken in den Zug.
Es hat somit angefangen,
daß als Fazit man wird klug.

Klug genug um zu erraten,
wohin unser Weg uns trägt?
Und wie bleibt man auf den Pfaden,
wenn uns mal das Schicksal schlägt?

All das lehrt uns die Erfahrung,
die der Mensch stets mehren muß.
Denn nur so bekommt er Ahnung
von dem Abgang kurz vor Schluß.

Seht, wie sich der Kreis nun rundet,
wie beendet wird der Plan.
Ob mir meine Rente mundet,
liegt daran, was ich getan.


[2019]

Der arme Poet

Ach, was bin ich für ein Knabe,
Daß ich hier in meiner Welt
Schreibe mit dem Wanderstabe
Stück für Stück für wenig Geld.

Blumen blühen ohne Sorgen.
Vögel singen hell ihr Lied.
Denken wahrlich nicht an morgen.
Gleichwohl Sonn und Mond entflieht.

Wenn dereinst die letzten Schritte
Wenden sich ins dunkle Grab,
Geb ich alles mit der Bitte,
Lest, was ich geschrieben hab.


[2019]

Im Wandel

Das Haus im Wald, das freut sich sehr,
denn es steht bald direkt am Meer.
Auch Wildgetier, heut tief im Land,
bedankt sich für den Ostseestrand.
Selbst Pflanzen nehmen es gelassen,
solange Wurzeln Erde fassen.

Nur Menschen sind gar sehr betroffen,
denn Wandel läßt manch Neues offen.
Und Neues, wenn bei Tageslicht
das alte ungewollt zerbricht,
drängt all zu oft zu neuen Pflichten,
die wir nicht immer gern verrichten.

Das heißt, bei selbstgemachtem Leiden
sollte man möglichst schon beizeiten
das Für und Wider klar abwägen,
anstatt die Äste abzusägen,
auf denen wir die Welt erbauten,
bevor den Tellerrand wir schauten.


[2019]

Pergament

Weißes Blatt, oh weißes Blatt,
wie sehnst du dich nach
kohlenschwarzen Lettern.
Zwar warst du jungfräulich
genauso zahm wie tausend
deiner Vettern,
doch Stück für Stück
schrieb manche Hand
dich mit des Lebens
Weisheit trefflich voll.

Manch Sinn entstand,
zu lesen und zu bilden
und mancher Scherz
gern seinen Künstler fand.
Mal war's ein Lied,
mal eine Sturmballade.
Mal hielt allein ein
schnell geritztes Bildchen Hand.

Doch immer mehr an
wundersamen Pfaden
sich durch die Landschaft
spurgebärend zieht.
Nun kurz vor Schluß,
der Rand ist eng beschrieben,
der Griffel selten nur
ein wenig Freiheit sieht.

Da greift zu kratzen
erheischend der Zeiten Schaber
und streicht hinfort,
was einst man lesen konnt',
um hier und da,
kreuzquer auf Blattes Krater
zu schaffen neuen Ort
wo neues sich auf altem sonnt.

Bald kann der Leser
schwerlich nur entscheiden,
was wie und wo und warum
was entstand.
So muß das Pergament
noch mehr am Blatte leiden
und brüchig wird, was blütend weiß
einst seinen Anfang fand.

Hier kann nichts helfen.
Nicht des Genius Wille.
Nicht Technik,
kein noch so teurer Menschen Plan.
Man muß es nehmen
wie eine bittre Pille
und sorgfältig,
an's Schöne sich erinnernd,
das letzte Blatt bewahr'n.


[2019]

 

Perspektiven


Blick ich durchs Fenster mal hinaus,
Denk ich, wie sieht die Welt groß aus.
Schau ich dann vom Balkon hinein;
Wie ist das Zimmer doch recht klein.

Mag magisch auch das Glas erscheinen,
Banal uns manche Sache einen,
Manchmal denkt man etwas sehr groß,
Dann wiederum recht mittellos.

Zunächst erscheint uns alles fremd
Und kurz darauf so nah wie ‘s Hemd.
Ist hoch der Berg, noch weit das Ziel,
Doch mit der Zeit erreicht man viel.

Selbst die Gefühle kann man meistern.
Braucht nicht die Kraft von Himmelsgeistern.
Letztendlich kommt es darauf an,
Welch Perspektive man gewann.


[2019]

 

Der Traum


Ich ging mit ihr, der weißen Frau,
versehentlich nachtschwarze Wege.
Da hörte ich von Ferne her
die Glocke, grad wie eine Säge.
Mir wurde ganz kalt.
Mir wurde ganz heiß.
Welch Last hat man mit sich zu tragen.
Als ich dann erwachte
war hinfort der Spuk.
Was wollte der Traum mir weissagen?

Ich glaub nicht an Frauen
im schneeweiß Gewand,
die nachts auf haushohen Mauern
schier lautlos schwebend
mit knochiger Hand
auf uns arme Sünder lauern.

Auch heißt mir die Glocke
mit metallnem Klang
wie auch das der Säge Zähne
mitnichten den Weg
den das Schicksal erzwang.
Kaum Wert, daß ich ‘s hier erwähne.

Und dennoch bleibt allem,
ich muß es gestehn,
so wahr ich bei Kerzenscheine
dies schreibe und denke,
was soll schon geschehn,
ein Schaudern an seidener Leine.

[2019]

 

Dem Stromer


Wer allzu oft am Strome leckt,
wahrscheinlich bald im Sarge steckt.
Hast du die Hand am falschen Leiter,
bist einen Schritt zum Friedhof weiter.

Drum denke vorher was du tust,
sonst schon recht bald im Grabe ruhst.
Denn mit Verstand in deinen Händen,
läßt sich dies Schicksal noch abwenden.

[2019]

 

 

Dement


Als ich hier war, kennt mich keiner.
Lang ist das her; ganz alleine.
Zur Zeit ist es, so wie ich kam.
Hast du gehört, ich war dabei.
Es ist jetzt so, wie ich sehe.
Ich weiß genau, wohin ich geh.
Mich täuscht ihr nicht, mit diesem Tanz.
Es war so schön, dies eine Mal.
Rechts geht es lang; ich war schon da.

Vergangenheit - Realität;
Das Abendbrot ist früh zu spät.
Die Welten springen kreuz und quer
und man versteht sich selbst nicht mehr.
Das Altvertraute macht jetzt Schluß
und sorgt für täglichen Verdruß.
Wie soll das enden, weitergehen,
wenn Fremde um das Bett 'rumstehen?
So helft mir doch! Wo ist der Sinn?
Und wohin führt das alles hin?

[2019]

 

An mein Vaterhaus


Du mein geliebtes Vaterhaus,
ich zog vor vielen Jahren aus,
fand in der weiten Welt mein Glück
und komme nun zu zweit zurück.

Selbst wenn die Wurzeln sind ab jetzt
woanders ganz bewußt gesetzt,
hält mich doch die Erinnerung
an das Zuhause oftmals jung.

Grad wenn das Leben scheint verblüht
und Moos die Wege überzieht,
hilft uns der Ort der Kinderzeit
zu wachsen über Not und Leid.

Doch davon will ich jetzt nicht schreiben;
von Jahren, die uns übrig bleiben.
Denn grade weil die Zeit oft rennt,
ehr ich und nutze den Moment.

[2019]

 

Sorbet Sonett


Ich esse für mein Leben gern Gesüßtes.
Ob das gesund ist, will ich hier nicht sagen.
Zumal wenn jedes Maß in meinem Magen,
so mein ich, ausgewogen ist, genügt es.

Schau ich jedoch ins Internet; man rügt es.
Da gibt es für Veganer kaum noch Fragen,
wenn Tiere müssen meine Lust mittragen.
Und von den Futterfeldern weither grüßt es.

So soll auf Milchprodukte ich verzichten.
Nur frisches Obst, Gemüse sei mein eigen.
Damit ich hab ein ruhiges Gewissen.

Doch dacht ich mir, was wir so noch verrichten
und wie wir uns der Umwelt sonst noch zeigen.
Drauf hab ich trotzig ins Sorbet gebissen.

[2019]

 

Ganymed


Ganymed, du bist ein armer Knabe.
Du wurdest einst von höherer Gewalt,
auch wenn du wärest lieber heut im Grabe,
gewählt ob deiner göttlichen Gestalt.

Man machte dich anscheinend gleich den Gleichen.
Bedeutungslos war nun ein jedes Jahr.
Bedingung nur, den Gleichen Wein zu reichen.
Die Last des Aufstiegs offenbar.

Ein mancher hofft, sich ewig zu verbinden
mit vielerlei gewünschten großem Ziel.
Doch letztlich läßt Erfolg den Geist erblinden
und selbst das Größte zählt mitnichten allzuviel.

Wir streben oft nach Dingen, die uns dünken
als wesentlich und nützlich in der Welt.
Doch in dem Chaos, in dem wir dann versinken,
vergessen wir, was letztlich wirklich zählt.


[2019]


Erkältet


Nanu, was kratzt im Halse mir
recht sonderbares Kleingetier?
Sollen es gar Bakterien sein?
Was fällt den kleinen Biestern ein?

Ich zieh mit Wärme jetzt zu Felde,
weil sich einschlich in feuchter Kälte
ein Virus, um zum Wirt zu machen
mich heute. Kann deshalb nicht lachen.

Und mit dem Hals hört es nicht auf.
Die Infektion nimmt ihren Lauf.
Aus Nas' und Aug' rinnt Feuchtigkeit.
Ein Berg von Tüchern steht bereit.

Nun melden sich die Bronchen gar.
So krank ich letztes Jahr nicht war.
Bevor noch größer der Verdruß,
keimt in mir, was sich ändern muß.

Zum Medizinschrank führt mein Weg;
den ich bisweilen halbwegs heg.
Drum ist hier allerhand versammelt,
was sonst zur Ablaufzeit hingammelt.

Doch nun, da mich die Pein so schlaucht,
wird schnell das Repertoire verbraucht.
Die Tropfen, Salben und auch Säfte
versprechen mir gestärkte Kräfte.

Mit Wadenwickel, dickem Schal
geht‘s ab ins dunkle Jammertal;
ins Bett nebst einem heißen Tee,
bevor die Glieder schmerzen zäh.

Der Schlaf muß nun das alles richten,
so lauten Hausmittelgeschichten.
Und Ruhe soll der Kranke haben,
dann heilen bald des Lebens Gaben.

Hiernach wird kurz mit frischer Luft
der Raum befreit vom Krankheitsduft,
daß sich Erreger, die verletzen,
nicht erst im Zimmer noch festsetzen.

Zum Schluß heißt 's nächsten Tag abwarten,
ob nächster Schub erneut muß starten,
oder ob ich bereits genesen,
weil ich nur kurz mal krank gewesen.


[2019]

 


Generationen


Ich sitze hier, die Augen fest geschlossen
und denk zurück an meine Spielgenossen,
die einst sich in den Sand vergruben,
wie Mädchen in den Puppenstuben.

Doch sind die Zeiten längst vergangen.
Jetzt haben andere angefangen,
die Nasen in etwas zu stecken,
und dann und wann was auszuhecken.

Sind Unterschiede denn so groß?
Gar denken wir uns dieses bloß?
Sieht es vielleicht nur anders aus,
obwohl man baut am gleichen Haus?

Wie wurden Eltern einst erzogen?
Uns schien die Welt ganz ausgewogen.
War unser Kind deshalb gescheiter?
Wie geht es mit den Enkeln weiter?

Wenn wir uns jetzt verstimmt beschweren,
daß Leute heute uns nicht ehren.
Haben wir das nicht selbst versäumt,
weil wir blauäugig nur geträumt.

Oder ist das der Dinge Lauf,
daß Neues einfach nimmt in Kauf,
daß es trotz eignem Untergang
blind rennt am Abgrund stur entlang?

Was dann davon noch übrig bleibt,
die eigene Geschichte schreibt.
Die dann, auch wenn ‘s uns traurig stimmt,
‘nen völlig andren Kurs einnimmt.

Zu hoffen nur, daß dieser Weg
nicht im Inferno untergeht
und somit leider doch beweist,
daß nicht weit her, des Menschen Geist.

[2019]

 

Fliehende Gedanken


Flieht! Gedanken, flieht,
wenn ihr frei sein wollt.
Fliegt, durch Wolken, fliegt,
bevor der Donner grollt.

Fliegt über Wasser, springt
und seid entrückt,
das ihr nicht versinkt,
wenn‘s euch zerdrückt.

Springt, bevor ansteigt
die brodelnde Flut.
Steigt, wenn verzweigt
der Erde glühend Blut.

Steigt, mit raschem Gang
hinfort von mancher Gier.
Geht zurück den Hang;
welch sinn-, nutzlose Zier.

Geht auf, Gedanken,
zum nächsten Ziel.
Geht ohne Schranken;
so wenig ist oft viel.

Und viel, weniger oft.
Steht still dort nicht,
wo mehr ihr hofft.
Schwebt frei im freien Licht.


[2019]

 

Bedeutung


Siehe, Menschlein, diese Erde
ist nicht nur für dich gemacht.
Weder Sterne, Licht bei Tage,
noch die Dunkelheit der Nacht.

Nicht den Hauch von einem Winde,
Tropfen in dem tiefen Meer,
Sand und Steine in der Wüste.
Wärst du nicht, blieb doch nichts leer.

Pflanzen, Tiere und Mikroben
gingen ihren eignen Lauf.
Nur du scheinst dich abzuheben;
nimmst den Absturz blind in Kauf.

[2019]

 

Eines Hahnes Irrtum


Ich sehe vor mir eine große Scheune.
So wie im Trickfilm oder wenn ich träume
von einem Hof dort zwischen Feldern, Wiesen.
Grad recht um echte Landluft zu genießen.
Da springt es auf, das große hölzern Tor;
gar viele Federn wehen draus hervor.
Ein Hahn folgt nach mit schnellen, weiten Schritten
und schreit hinaus: „Was habe ich gelitten?!
Was habe ich mich doch so sehr geirrt?!“
Der Hofhund denkt: „Sind alle jetzt verwirrt?“
Nicht so die Ente in ihrem Watschelgang.
„Das macht doch nichts“, lispelt ihr Glücksgesang.


[2019]

 

Da


Ich bin da.
Wieder da.
Immer da.
Schön da.
Und da.
Da, nur da.
Nur da?
Nur?

Reicht dem Dasein das da sein?
Muß mehr da sein, um da zu sein?
Wieviel Da sein braucht das Dasein?

Da denk ich mir, mehr als da sein
heißt:
Hier sein!

 

[2019]

 

Die Sache mit dem Würfel


Schon die alten Griechen wollten wissen,
wenn man hat erstellen müssen,
einen Würfel doppelt groß
wie sein Ursprung; wie geht’s bloß?
Konnten zwar schon Wurzeln ziehen,
doch mißlang stets das Bemühen,
sich als Einheit vorzustellen,
Linien, Kreise und Tabellen.

Erblickten sie vor sich ein Bild,
dann waren sie besonders wild,
mit Stab und Zirkel zu gutachten.
An Zahlen sie dabei nicht dachten.
Bei Säcken nur und Krügen, Leuten,
die Rechenkunst sie gar nicht scheuten.
Jonglierten jetzt mit großer Freude
so kreuz und quer durchs Zahlgebäude.

Doch fangen wir genau dort an,
wo einst der ganze Kram begann.
In Delos, halten wir mal fest,
wütete damals schwer die Pest.
So zogen sie nach Delphi hin,
um zu erfragen Göttersinn.
Und dem Orakel steht die Ehr,
zu deuten, was besonders schwer.

Im Tempel des Gottes Apoll
steht ein Altar, so wie er soll.
Und dieser selbst auf einem Stein
in Würfelform. Das muß so sein.
An dessen Stelle hat man nun,
‘nen doppeltgroßen hin zutun.
Allein mit Stab und Zirkelei
kommt man der Sache niemals bei.

Nur mit Algebra kann man’s messen.
Doch darauf warn sie nicht versessen.
So zogen sie nach Haus zurück,
um zu erbeten dort ihr Glück.
Wie aber kann man es nun lösen?
Zieh dritte Wurzel, statt zu dösen,
aus Kante lang hoch drei mal zwei,
dann liegt die Länge vor dir frei.

 

[2019]

 

Modenschau

oder

( Mann und Frau )

 

Nun also dann
zog jener Mann,
weil er es kann,
sich Kleider an.
Und seine Frau,
genauso schlau,
trug dann zur Schau
das Gatten Grau.

Wie wir hier sehen,
kann dies geschehen
wenn sich verstehen
des Lebens Ehen.
Doch wenn sich streiten
die beiden Seiten,
gibt es beizeiten
nur Schwierigkeiten.

Drum, was ihr meint,
lebt es vereint,
daß Glück euch scheint
und nimmer weint.

 

[2019]

 

Der Regenbogenfalter


Seit Jahren sitzt in meinem Haus
ein Regenbogenfalter.
Ich sag es heute frei heraus,
er hat ein hohes Alter.

Und seine Frau, die Falterin,
schmiegt sich an seine Seite.
Ist auch die Jugend längst dahin,
fehlt’s ihnen nicht an Freude.

Nur wenn ein kalter Windhauch bläst,
hört man ihn leise murren,
daß nun im Lebensbaumgeäst
die Jahre merkbar zurren.

So geht es, wenn man’s recht bedenkt,
nicht nur den Schmetterlingen.
Benutz gescheit, was man dir schenkt,
in allen Lebensdingen.

[2020]

 

Verschwörungstheorie


Bei mir im Ort, da wohnt ein Mann,
der stellt im Keller manches an.
Er hat, ich weiß es ganz genau,
eine Maschine, ziemlich schlau,
um alle uns zu dem zu machen,
worüber er dann kann nur lachen.

Global hat er die Welt vernetzt,
weil er sich in den Kopf gesetzt,
daß alle ganz nach seinem Willen,
frei schlucken nicht nur Magenpillen,
sondern auch allerhand Gedanken.
Da gibt es wahrlich keine Schranken.

Bis in die höchsten Führungskreise
verlaufen heimlich seine Gleise.
Selbst Herrscher hier im fremden Land
haben nur Macht im Schloß aus Sand.
Und all die reichen Ökonomen
im Wolkenkuckucksheime wohnen.

Er steuert weltweit die Belange,
hält selbst Parteien bei der Stange,
nutzt Völker ohne Skrupel aus,
schafft Feinde selbst im kleinsten Haus,
manipuliert im großen Maße
die ganze große Menschheitsblase.

Doch wenn ich alles dies bedenke,
ich dem nur schwachen Glauben schenke.
Viel eher sind es wohl die andern,
die unser Leben unterwandern,
mit bei Geburt und auf die Schnelle
im Kopf verpflanzt durch Fontanelle.

Ein Chip, wie soll’s man anders nennen,
wird eingesetzt, daß wir erkennen
nur das, was wir erkennen sollen;
befohlen von verruchten Trollen.
Die gibt es schon seit tausend Jahren,
wie man historisch kann erfahren.

Mal glaubt der Mensch gezielt an Götter,
mal folgt er blindlings jedem Spötter,
mal drischt er wahllos auf sich ein
und fühlt dabei sich groß, nicht klein.
Stoisch läuft er in großen Massen
dem Abgrund zu. ’s ist nicht zu fassen.

Doch manchmal, wie die Dinge laufen,
ist mangelhaft, was konnt man kaufen.
So sind wohl auch die Komponenten
nicht alle gleich in Trolles Händen.
Dann muß man großflächig eingreifen,
in heimlichen kausalen Streifen.

Wie aber macht man’s unbemerkt?
Indem man aufhäuft Leichenberg.
Da werden Kriege angefacht,
die Umwelt spinnt schier über Nacht,
manch Völkerstamm wird ausgerottet,
damit man in den Rückruf trottet.

Auch heute findet’s wieder statt.
Mittels Corona man jetzt hat
die Möglichkeit, die Chips zu bergen,
bevor die Menschen schlauer werden.
Wenn einer glaubt, dies sei gelogen ~
Manch Theorie ist gleich verbogen.

[2020]

 

Wenn's mal pressiert


Wenn dich versetzte Winde plagen,
dann kann ich dir nur eines sagen,
laß sie getrost von dannen ziehen,
auch wenn sie stürmisch dir entfliehen.

Selbst wenn du bist danach allein;
viel größer ist rektale Pein.
Der Druck, der dich rückseits ereilt,
wird größer, wenn er nicht verteilt.

Er zieht sich dann in höh're Sphären.
Du kannst dich ihm nur schwer erwehren.
Nun greift man schnell zu Tropfen, Pillen.
Der Körper ruft: Um Himmels Willen!

Viel besser als jetzt still zu halten,
um seine Schmerzen zu verwalten,
ist es vielmehr bewußt zu gehen.
Dann könn' die Winde wieder wehen.

[2020]

 

Verstehen


Verstehe nicht, was du mir sagst.
Weiß' Antwort nicht, wenn du mich fragst.
Bin ungewandt in manchen Dingen.
Das Neue muß mir erst gelingen.
Vor'm Was und Wie und dem Warum
verneig zuweilen ich mich stumm.
Ertast' bedächtig mir die Straßen,
statt blind durch meine Welt zu rasen.
So komme ich mit jedem Wort
und jeder Tat zum Ziele fort.
Dann weiß ich auch, was du mir sagst
und Antwort drauf, wonach du fragst.

 

[2020]

 

Eine kleine Bakterie


Ich bin eine kleine Bakterie
und sitze bei dir im Darm.
Dort ist es sehr gemütlich,
geschmeidig und auch warm.
Ich sorge für den Stuhlgang,
daß er auch gut gelingt
und unbemerkt vom Wirte
ihm Sorgenfreiheit bringt.

Zuweilen ist die Meinung,
die über mich man hat,
nicht umwerfend geschmeichelt.
Als Mensch hätt ich es satt.
Nur weil meine Verwandtschaft
euch zwickt und zwackt und beißt,
darf das nicht dazu führen,
daß ihr uns von euch weist.

Nicht jeden ziert geschmacklich
die gleiche Eleganz,
nicht jeder Schritt des andern
zeugt von dem gleichen Tanz.
Doch würde alles gleich sein
auf dieser schönen Welt,
wie wäre das dann einsam;
dem Licht der Schatten fehlt.


[2020]

 

Getrunken habe ich gar viel


Getrunken habe ich gar viel
Aus einem gläsern Becher.
Ihn oft zu leeren war mein Ziel,
Weil ich ein großer Zecher.

Ich zeche früh am Morgen schon,
Wie auch am Mittagstische.
Schlürf abends bar der Sorgen Lohn.
Selbst nachts in kühler Frische.

Mal trink ich dies für mich allein,
Mal in Geselligkeiten.
Wenn wippend zuckt mir das Tanzbein,
Tu ich den Trank bereiten.

Ob fein im edlen Restaurant
Ob auf der grünen Wiese,
Den Kelch gefüllt hoch bis zum Rand,
Daheim ich ihn genieße.

Nur ist darin kein Alkohol.
Trink Wasser aus der Quelle.
So bleibt mein Handeln wie es soll
Und auch mein Sinnen helle.


[2020]

 

Des Greises letzte Kreise


Ein Greis zog einsam seine Bahnen
geradewegs durch einen grünen Park.
Zwar wußt‘ er nicht, doch konnte er es ahnen,
was Schritt für Schritt ihm fuhr ins tiefe Mark.

Er sah auf frischen Knospenspitzen
manch Raupe, Blattwerk knabbernd, sitzen.
Und Vögel mit der Fracht im Schnabel
zum Neste hin, zu jenes Astes Gabel.

Erst Blumen, die noch jüngst im Glanze,
welkten nun längst im Schmetterlingsgetanze.
Dann Sträucher, einst gefüllt von weißen Blüten,
nun eingezwängt, weil Spinnen fleißig wüten.

Einmal noch lauschte er dem Lerchenliede,
das er als Jüngling träumend oft gefühlt.
Jetzt sehnt er sich nach Ruhe und nach Friede;
der Heißsporn ist schon lange abgekühlt.

Die ersten Blätter sieht er wedelnd fallen.
Spürt, daß zum Abschluß hin er rinnt.
Hört Abendglocken durch sein Leben hallen.
Ob er noch lang auf Erden zittrig sinnt?

 

[2020]


Viraler Genuß


Sprach ein Virus zu dem andern:
„Laß uns nach Europa wandern.
Denn dort können wir uns feiern,
anstatt hier herum zu eiern.
Nach der kurzen Lock-Down-Pause
gibt’s dort wieder manche Sause
und wir können uns bei weitem
nun noch besser ganz ausbreiten.
Mußten wir Dank Abstand fasten,
ach, was wir die Masken haßten,
haben wir jetzt wieder Leute,
die uns helfen. Reichlich Beute!“

Doch es warnt ihn der Kollege:
„Menschen denken nicht so schräge,
daß man sie kann leicht verschaukeln,
ihnen Sicherheit vorgaukeln.
Zum Gemeinwohl werden schaffen
sie die besten Abwehrwaffen
gegen unsereins im Ganzen.
Wo auch wir uns dort verschanzen.
Mir scheint’s besser, ganz im Kleinen,
als pandemisch zu erscheinen,
fern der Straßen, tief in Ecken,
maßvoll im Busch zu verstecken.“

„Da kennst du die Menschen schlecht.
Denen ist nur Zuwachs recht.
Treten sie auch auf in Horden,
schätzen sie nur eigne Pforten.
Erst wenn die, die’s Sagen haben,
merken an dem eignem Magen,
daß man sollte etwas ändern,
geht’s voran in manchen Ländern.
Das heißt nicht, daß alle Wesen,
fegen mit dem gleichen Besen.
Solang Bürger sich genieren,
kann uns bessres nicht passieren.“


[2020]

 

Weltbild einer Fliege


Ich lebe offen im Versteck
auf einem großen Haufen Dreck.
Man nennt mich einfach Sumserum
und flieg als Fliege nur herum.

Doch wenn ich andre Fliegen höre,
sie manchmal beim Bekrabbeln störe,
dann scheint mir, es gibt mehr von jenem,
worüber man sich sollte schämen.

Und selbst die Wespen und Hornissen
tun grade so, als ob sie wissen,
wie groß die Welt in Wirklichkeit.
Ich denk dies nicht, auch wenn man’s schreit.

Libellen sprechen da von Dingen,
die scheinbar ihnen nur gelingen.
Und Motten erst, entschlüpft aus Raupen,
verbreiten Lügen. Nicht zu glauben.

Von andren Tieren, großen, kleinen,
die außerhalb uns oft erscheinen.
Und Pflanzen, die verbreitet stehen
auf Wiesen, Feldern und um Seen.

Wozu sollt es mehr Umwelt geben,
als man sie braucht zum Überleben?
Das frag ich dich, du Weltdurchschreiter,
bevor ich surrend fliege weiter.


[2020]

 

Ein Tor am Tor


Da steht er nun am Tor, der Tor,
läßt Lieder von sich fallen.
Und drinnen lacht ein Frauenchor.
Sein Minnen scheint zu lallen.

Gewaltig schubst die Zeit ihn an;
er müßte Pfeffer geben.
Ist an ihm wirklich nicht mehr dran,
als närrisches grad eben?

Auch wenn das Innere ihn drängt
und seine Knochen knacken,
spürt er, wer das drum rum verdrängt,
wird bald im Sumpf versacken.

Das will er nicht, doch fehlt die Kraft,
den tumben Ort zu wechseln.
Drum hoffe ich, daß er es schafft,
anstatt sich selbst zu häckseln.


[2020]

 

Trunkenheit vorm Friedhof


Hier lieg ich nun, ich dummer Tor
und bin so blau wie nie zuvor.
Hab sieben Korn und dreizehn Bier
getrunken. Deshalb lieg ich hier.

Warum nur tat ich mir das an?
Auch ohne Alk war ich ein Mann.
Denn worin liegt im Suff der Sinn?
Mein ganzer Stolz ist längst dahin?

Ab morgen ist letztendlich Schluß,
weil man an's Morgen denken muß.
Trink Säfte nur vom Obst, Gemüse,
damit ich nicht vom Friedhof grüße.


[2020]

 

Ikarus’ Erben


Friedvoll lebt die Menschenherde,
längst nicht mehr auf dieser Erde.
Statt in Einklang mit Natur
ist sie gierig, geizig, stur.

Überwuchert unverdrossen
unaufhaltsam jeden Fleck.
Parasiten, wilde Sprossen
haben einen größ‘ren Zweck.

Und ob dies nicht reichen würde,
frißt sie geistlos alles auf.
Scheinbar gibt es keine Hürde
in des Menschen wildem Lauf.

Wohin das noch führt, weiß keiner.
Jeder Tag zeigt grauenvoll,
unsre Welt wird immer kleiner.
Infiziert das letzte Zoll.

Woran mag das Scheitern liegen?
An den Träumen, die hoch fliegen?
Höher noch als Ikarus.
Kommt für alle: Nun ist Schluß!?

[2020]

 

Urlaub


Urlaub ist was wunderbares,
das mit Worten kaum beschreibt,
was man fühlt als Teil des Jahres,
ob im Ganzen, ob geteilt.
Leider wird die Zahl des Tages
weniger, als davon bleibt.
Jeder weiß es, niemand fragt es,
wenn sein Ende uns ereilt.


[2020]

 

Löwenmänner


Ein Löwe hat ein Gnu geschlagen.
Das lag ihm schwer in seinem Magen.
Weil er, was er nicht machen sollte,
das Fleisch durch Matsch und Moder rollte.

Drum liebe Männer, laßt euch sagen,
wollt ihr euch nicht mit Essen plagen,
dann laßt das lieber euren Frauen.
Ihr könnt derweil Luftschlösser bauen.

Wollt aber ihr euch gut vertragen,
dann müßt ihr, ohne lang zu fragen,
mit Martha, Julia und Isolden
gemeinsam schaffen; dann auf Wolken.

Den Paschas geht’s nun an den Kragen,
denn anders als zu früh’ren Tagen
und anders als im Löwenrudel,
fühl’n Partner sich wohl wie zwei Pudel.

[2020]

 

Bislang


Lang stak ich im tiefen Keller
des gelebten Weiß-nicht-was.
Langsam wurde es dann heller,
weil gelebt das letzte Faß.

Traurig schwebten die Gedanken,
weil beschränkt der eigne Schrank.
Nun zerbrechen alte Schranken.
Meiner Liebe, ihr sei Dank.

Laßt mich fortan tirilieren,
fröhlich singen jeden Tag.
Frohsinn mag nun triumphieren,
weil ich meine Liebe mag.


[2020]

 

Mal positiv gedacht


Spaß und positives Denken
sollte man sich oft selbst schenken,
denn die oftmals kleinen Sorgen
stören nur den Weg ins Morgen.
Ist’s der Nachbar,
der nicht achtbar.
Fiese Leute,
keine Freude.
Was soll’s? Ist die Türe zu,
hat man schon vor ihnen Ruh.

Freue dich an kleinen Dingen,
die nur dir so schön gelingen.
Oder denk zurück an Zeiten,
als du glücklich warst, bescheiden.
Stolpersteine,
schwache Beine.
Fremdgedanken
bilden Schranken.
Dennoch ist es nie zu spät,
wenn du schaust, was vor sich geht.

Lächeln sei dir nie verboten.
Denn das freut nur die Chaoten.
Selbst des Schicksals ärgste Tücke,
bietet noch des Auswegs Lücke.
Kniebeschwerden,
alt auf Erden.
Euros wenig,
Schuldenkönig.
Trotzdem sei kein Narr, kein Tor.
Nimm dir etwas Schönes vor.

 

[2020]

 

Jung und alt


Als junger Mensch geht man vor ’s Haus
und tobt im Vorgarten sich aus.
Im Alter dann, bevor es endet,
hat tausend Hektar man gewendet.

 

[2020]

 

Nahrung im Kleinen


Es ist nicht von der Hand zu weisen,
selbst winzig kleine Tiere müssen
speisen, wenn sie nicht küssen
den alten Tod, den Weisen,
wollen zum Ende hin
als letzten Sinn,
in den verzwickten wilden Kreisen.


[2020]

 

Viren und Atome


Schau in die Elektronenhülle.
Was gibt es dort in großer Fülle?
Statistisch ist da nichts zu finden,
nur Felder, Teichen, die sich winden
um räumlich fernen kleinen Kern.

Selbst wenn Atome sich verbinden
und so von langen Ketten künden,
kann zwischen all den Molekülen
man auch nicht viel mehr Stoff erfühlen,
als in ‘nem unsichtbaren Stern.

Wenn man nun will das Ding verstehen,
woraus die Viren selbst bestehen,
so könnte man gleichwohl verbreiten,
sie gibt es nicht in vielen Leuten.
Wer hätte das nicht wahrlich gern?

Dann freilich muß man auch bescheiden
ins Reich des Nichts hinübergleiten,
weil in uns selbst herrscht große Leere,
da körperlich zu viel der Ehre
und die Bedeutung wäre fern.

Trotzdem scheint es da was zu geben.
Sonst würden wir ja hier nicht leben.
Dann sind das wohl gewisse Kräfte,
die in uns kreisen, Lebenssäfte,
und manches bilden und vermehr‘n.

Drum heißt es wohl heut hauszuhalten,
bevor die Viren uns ausschalten
und Möglichkeiten uns ausgehen,
der Zukunft Tage noch zu sehen
und unsre Enkel uns verehr’n.


[2020]

 

Gemeine Wochentage


Wenn sie von Arbeitszwang gezogen,
ob sie nun kurz, ob lang, geschwind
durch wechselnd Zeitgefühl gewogen,
pro Woche ständig sieben Tage sind.

Man steigt aus federweichen Betten
bereits am frühen Morgen schon,
als könnte das den Tag noch retten,
und hofft auf einen reichen Lohn.

Ob dies dem Broterwerb geschuldet
oder der Freizeit frohem Ziel;
man wird auf Erden nur geduldet
und selbst schätzt man sich oft recht viel.

Am Abend dann, wenn alles ward gerichtet,
geht man beharrlich froh zum Ruh’n
und hofft, daß unsre Traumwelt alles schlichtet,
was wir vergaßen mental noch zu tun.

Was wollt ich sagen, wollt ich schreiben?
’ne Arbeitswoche deucht uns lang.
Laß frei ich mich im Urlaub treiben,
wird Montag mir vor ’m Sonntag bang.

Auch birgt ein Blick zurück Erstaunen,
wieviel in kurzer Zeit erreicht.
Nach vorn dafür, hört ich es raunen,
wird es beileibe nicht so leicht.

Vergleich ich den Langstreckenläufer,
von Marathon fern kam er her,
mit mir als Arbeitskraftverkäufer,
ist die Metapher gar nicht schwer.

Wenn also man wollt Tage messen,
bräuchte man mehr als nur die Uhr.
Sollt’ nie das Zeitgefühl vergessen.
Und wenn’s vorbei, gibt’s kein retour.


[2020]

 

Schreiben müssen


Kaum schrieb ich auf, was mir der Lehrer sagte,
fügt ich hinzu, was flüsternd in mir war.
Und als man mich daheim danach befragte,
da war mir manches selber noch nicht klar.

Ich wollte schreiben, weil ich ’s einfach mußte
und mußte schreiben, weil ich ’s hab gewollt.
Denn das, was wuchs im Innern meines Brustes,
ist seitenweis auf ’s Schreibpapier gerollt.

Erst Kurzgeschichten, meist von wilden Tieren,
dann ein Roman von Mord und Hinterlist.
Drauf ließ ich mich ins weite Weltall führen.
Bedaure sehr: Nur dies erhalten ist.

Von Prosa bin ich dann hinfort geschritten
zur Lyrik hin; fürwahr noch zaghaft sehr.
Hab nun begierig Pegasus geritten
und lieb Gedichte schreiben umso mehr.

Zahlreicher sind sie aus mir aufgestiegen.
Zwei Jahre war’n dafür ’ne kurze Zeit.
Was soll’s, wenn Stifte über Zettel fliegen.
Bin weiterhin zum Dichten stets bereit.


[2020]

 

Des Geizhals Sorgen


Schritt für Schritt wächst mein Vermögen.
Ich werd reicher Tag für Tag.
Ach, was könnt ich mich verwöhnen,
wär im Ausgeb’n ich nicht zag.

Früher warf ich’s oft zum Fenster,
oder nur für Tinnef raus.
Als ob drängten mich Gespenster,
wie die Leber quert die Laus.

Haufenweis gab ich mit Händen
für den Augenblicksgenuß.
Tat gedankenlos verschwenden,
was im Nachhinein nur Stuß.

Heute dreh ich um den Heller.
Spare für die große Zeit.
Erst wenn reichgefüllt der Keller,
bin für ’s Nutzen ich bereit.

Eines nur macht mir noch Sorgen,
wenn die Masse einverleibt,
habe ich genug an Morgen,
oder ist das Maß vergeigt.

Bleibt genug Zeit zum Genießen?
Kann ich frönen ferner Lust?
Oder drückt ’s wenn unter Wiesen
ich einst liege, mir die Brust?


[2020]

 

Am Ende kommt die Wende


Am Ende kommt die Wende.
Da hab ich Zeit zu ruhn.
Brauch nicht mehr schaffen, tun,
was mich am Leben hält
in dieser Arbeitswelt.
Mit Hilfe meiner Hände
kommt letztlich meist das Ende.

Doch wendet sich die Wende,
geht’s weiter, statt zu ruhn
muß ich noch raffen, tun,
wenn’s mir auch nicht gefällt,
mach ich es halt für Geld,
daß reichlich meine Rente
reicht bis zum Monatsende.

Und wendet sich das Ende,
kann länger ich ausruhn.
Weil endlich ich würd’ tun,
was ich mir vorgestellt,
wenn erst die Pflicht entfällt
und ich dann ganz behende
verschieben kann mein Ende.


[2020]

 

Mal so, mal so


Er hieß, wie ich glaube, Spitzberger
und machte, wo er stand, nur Ärger.
Doch war er daheim,
so war er ganz klein.
Gezüchtigt vom Weib; die war stärker.

So ist es mitunter im Leben.
Die einen, die lassen erbeben
die Welt vor der Tür.
Dort sind sie der Stier.
Nichts sagen Zuhaus’ sie hingegen.

Und dann gibt es noch diese andern.
Duckmäuserisch sie draußen wandern.
Im eigenen Raum,
sie neigen sich kaum.
Despotisch sie abends mäandern.

Wie kann man sich dazu verhalten?
Was sagt man den Jungen, den Alten?
Sei überall Du.
Barfuß und im Schuh.
So sollte man‘s Leben verwalten.


[2020]

 

Jahresabschlußrede


Juch-he, heut fühle ich mich froh.
Das war schon lange nicht mehr so.
Obwohl Zuhause alles klar,
war’s draußen anders dieses Jahr.

Ein jeder weiß, der dies erlebt,
was für ein Scheiß über uns schwebt.
Ich wähl das Wort aus mit Bedacht,
weil im Extrem man’s extrem sacht.

Die Lenker wissen nicht wohin,
den Gegnern fehlt der gute Sinn.
Ins Damals fühlt man sich versetzt,
wenn Quergedacht das Recht verletzt.

A la Couleur sieht man sie laufen,
um Zoten kreuzweiß zu verkaufen.
An allen schiefen Weltenecken
scheint’s will man uns mit News verschrecken.

Die einen halten Wahlen ab
und tragen den Entscheid zu Grab.
Die andern morden, weil entehrt
sie sich wohl fühlen. Sinnentleert.

Bald fällt im Sommer bunter Schnee,
dann schmelzen Gletscher in die See.
Die Tiere nehmen schon Reißaus.
Die Pflanzen nicht. Man reißt sie raus.

Ist das korrekt, wie ich es sage,
stell gendernd ich mal diese Frage.
Ist „der-die-das“ noch zeitgemäß?
Gar kommt die Antwort vom Gesäß.

Doch alles das fällt von mir ab,
weil Urlaub ich jetzt endlich hab.
Bis hin zur nächsten Jahreswende
liegen im Schoß mir beide Hände.

Nur eines bringt mich aus dem Traum.
Beileibe nicht der Weihnachtsbaum.
Wenn’s darum geht, dich zu beglücken,
öffne ich mich, dich zart zu drücken.

Denn das, wie ich am Anfang schrieb,
ist’s, ohne daß ich’s übertrieb,
an jedem Morgen, Abend so.
Drum bin ich auch von Herzen froh.

[2020]

 

Philosphenragout


Es wußten einst die Griechen schon,
nicht immer schenkt man dem den Lohn,
der sich im eignen Schweiße mühte
und neues schuf, was sonst nicht blühte.

Doch sei man dennoch angehalten,
sich hinzuwenden den Gestalten,
die ihrerseits die Welt ausmachen
mit schönen und auch schlechten Sachen.

Denn nur wer kennt der Dinge Lauf,
hält sie vielleicht im Notfall auf.
Wer aber tumb im Schatten pennt,
niemals des Rätsels Lösung kennt.

Zunächst maß Thales von Milet,
wie es sich um Dreiecke dreht.
Doch auch das Wasser als Grundlage
ergab sich ihm ganz ohne Frage.

Für Heraklit hingegen war
der Zustand nicht für immer klar.
Was heute ist, kann morgen sein
total konträr. Wandelt sich fein.

Auch Demokrit durchschritt die Welt
und schaut, was sie zusammenhält.
Atome sieht er sich vereinen
als Baustoff der Natur, der reinen.

Nun Platon, dieser große Denker,
wandte den Blick dem Menschen zu.
Sah in ihm jenen großen Lenker,
der nur was weiß, wenn er schaut zu.

Schon ihm zuvor, sein alter Lehrer,
sah mannigfaltig Schwierigkeit.
Die Welten waren weitaus leerer.
Für Sokrates stand Gift bereit.

Aristot’les möchte ich preisen.
Als ein gar pfiffiges Genie.
Fiel zwar zuletzt vor seinen Kreisen,
weil tief getroffen in die Knie.

Gehen wir nun von jenen Griechen
zu alten Römern ganz schnell hin.
Wenn sie auch lang schon dahinsiechen,
sahen sie manchen Sinn im Sinn.

Es konnte Cicero gut reden,
wie sicherlich kein anderer.
Ob es wohl immer war ein Segen?
Starb flüchtend er als Wanderer.

Nicht flüchtend schied drauf Seneca
letztlich im Dampfe seines Bades.
Gab weiter, was vorher geschah.
Vermied, glaub ich, zu seh’n den Hades.

Was nun ereilt Europas Denken,
das können wir uns schadlos schenken.
Denn vieles, was man wußte schon,
vergaß die Welt dank Religion.

Erst als die Renaissance begann,
fing das Betrachten von vorn an.
Nicht ist die Welt mehr eingeengt,
weil sie ein Gott hat nie geschenkt.

Besonders viele Künstler warben
für freie Sinne, statt zu darben
in finstern Zellen hinter Mauern,
um Seel im Leibe zu bedauern.

Erasmus aus den Niederlanden
und andere allmählich fanden
den Weg zu neuen Geistesschritten,
während die Menschen weiter litten.

Zumal durch einen großen Wandel
verstärkt sich der globale Handel.
Nun kommt aus vielen fremden Ländern
Gelegenheit, Natur zu ändern.

Mit Machiavelli als Prophet
der Staat ins bürgerliche geht.
Hat einst das Sein feudal bestimmt,
die Transmission jetzt Fahrt aufnimmt.

Nun sucht man alles aufzuklären.
Kant fragte gar aus die Vernunft.
Jetzt also mußte sich bewähren,
ob reif man war für die Zukunft.

War freilich Hegel noch verflochten
in alten Zwängen der Herrschaft,
so schuf er’s Werkzeug, daß vermochten
die Erben ändern mit viel Kraft.

Mit Dialektik wird nun klar,
was Marx und Engels offenbar
zu neuen Ufern trefflich führt
und Lenin als ’nen Kämpfer kürt.

Nach diesen völlig neuen Schritten
wird allumfassend hart gestritten,
was wirklich man davon behält,
wenn wandelt sich erneut die Welt.

Nun, heute scheint es andre Sorgen
zu geben auf dem Weg ins Morgen.
Ich könnt’ darüber noch viel schreiben,
doch will ich es nicht übertreiben.

Lege nun fort vom Blatt die Feder.
Genieß den Abend, wie ein jeder,
der sich den ganzen Tag lang müht,
daß Sinn und Form erquicklich blüht.


[2020]

 

Die Wahl


Nun also hatte ich die Wahl,
zu lindern eine große Qual,
zu lindern eine große Pein.
Ich sann kurz nach und ließ es sein.

Wenn man mich auch dafür verdammt
und Pflöcke mir ins Herze rammt,
so sagt ich nur was viele dachten,
als sie sich aus dem Staube machten.

Den wenigen, die helfend blieben,
wird zweifellos ein Lob geschrieben
ins Stammbuch der Menschheitsgeschichte,
aus einem ganz besondren Lichte.

Darauf kann ich nun nicht mehr hoffen.
Kein Platz im Himmel steht mir offen.
Doch bleib ich ehrlich hier auf Erden,
wird es bestimmt nicht so schlimm werden.

 

[2020]

 

Neues Glück


Man sagt in dieser Zeit wohl oft:
Ein neues Jahr, ein neues Glück.
Doch hätte ich oftmals gehofft,
das alte Glück käm bald zurück.

Denn was gehabt man hat an Schönem,
das weiß man wohl, erfreut dran sich.
An Neues muß man sich gewöhnen
und was draus wird, das weiß man nicht.

[2021]

 

Der Erdenkreis


Verschlagen lacht der Erdenkreis,
weil er elliptisch gar nichts weiß.
Er würfelt sich durch gut und böse,
und bleibt doch stecken in der Öse,
die wie ein Strick vom Galgen hängt
und die Geschicke blindlinks lenkt.

So pendelnd trifft man viele Orte,
verliert verwirrend ständig Worte,
die ihrerseits nicht völlig wahr,
weil alles um sie schier unklar,
wie alles, was der Mensch erkennt,
wenn er durch ’s Universum kämmt.


[2021]

 


Demenstöse Verwirrung


Mir war so warm,
mir war so kalt.
Im Nebel fand ich keinen Halt.
Selbst wo ich stand,
einst harte Steine
wurden ganz weich, schwach meine Beine.

Und als ich dann
blind zu mir kam,
sah ich die Welt verwirrend nahn.
Nichts stimmte mehr,
kein einz‘ger Schritt.
Versteht denn wer, wie ich drum litt?

Wer ist nun wer
und wer bin ich?
Läßt nun mein Leben mich in Stich?
Wo kam ich her,
wo komm ich hin?
Welch neuer Platz im fremden Sinn.

Warum läßt man
mich nicht nach Haus
und wie sieht dieses Heim wohl aus?
Bin ich für euch
denn nichts mehr wert?
Ist das vereint sein jetzt verkehrt?

Mir wird ganz flau.
Bin ich meschugge?
Für weiteres fehlt mir die Spucke.

[2021]

 


Chaotische Welt


Chaotisch. Chaotisch! Chaotisch
ist’s derzeit auf der Welt.
Die einen schlagen sich die Köpfe ein,
die anderen, so will mir schein,
erraffen sich das liebe Geld
durch puren Unsinn, symptomatisch.

Geschrieben wird zur Zeit recht viel
im Netz und auch gesprochen.
Doch sagen tut das alles nichts.
Das Maß des Worts ob des Gewichts
ist längst im Sud gebrochen
und aus den Augen flieht das Ziel.

Man hält sich fest am Halm vom Stroh.
Sieht manches Fell wegschwimmen.
Was einem schwachen Halt darbot
gerät nun ständig aus dem Lot.
Will man’s Ufer erklimmen,
so bleibt die Frage nach dem Wo.

Das kleine Glück bleibt dünn geschätzt
im steten Drang nach Großem.
Nur nicht, so denk ich dann und wann,
wenn es kommt schwach aufs Siegen an,
kaum auf die neusten Hosen,
man Streß ablegt, auf Ruhe setzt.

Dann erst, da bin ich überzeugt,
gewinnt man neue Kräfte.
Die Welt sieht nun auch anders aus.
Wir finden aus dem Chaos raus
und dank besondrer Säfte
man sich des Lebens wieder freut.

[2021]

 

Wie es kommt


Ist’s ein Virus, ‘ne Bazille?
Schicksals Rolle, Gottes Wille?
Hat das Wetter zugeschlagen?
Klimawechsel beigetragen?

Sind’s die Jahre, die die Knochen
erst zermürben, dann zerkochen?
Ward beim Trinken oder Essen
gar das rechte Maß vergessen.

Nervt der Nachbar unverdrossen?
Heulen Wölfe mit den Bossen?
Fällt das Hobby hinten runter?
Langer Schlaf und doch nicht munter.

Alles das hat seine Zeiten,
wenn wir es nicht übertreiben.
Und im Rückblick sieht man schnell,
‘s war doch schön. − Eventuell.


[2021]

Elf lebendige Elfchen


Elfchen
Ein Gedicht
mit fünf Zeilen
in einem engen Rahmen
geschrieben.

Leben
schafft das,
daß wir schaffen,
wenn wir‘s schaffen zu
leben.

Liebe
liebt das,
was uns eint
und wie wir sind
verbunden.

Schreiben
Gefühle bekleiden
die Zeiten verbreiten
künstlerisches gar verleiten zu
Ewigkeiten.

Farben
gemischte Gemenge
Gelb und Blau
wird Wald und Wiese
Augenschmaus.

Zeit
läuft ab
in schnellen Schritten
vom Gestern ins Morgen
unendlich.

Tagwerk
tägliches Werken
Hand in Hand
von früh bis spät
Arbeit.

Freiheit
gewolltes Sein
von Unfreiheit befreit
durch Wissen und Können
fremdbestimmt.

Gemeinschaft
durch Kommunikation
miteinander fest verbunden
in Bild und Ton
Evolution.

Nacht
geschwärztes Sein
Sonne am Ende
vor der nächsten Wende
Sternenhimmel.

Bett
flache Heimat
an jedem Tag
für Körper und Geist
erneuern.

[2021]

Warum ich dichte


Ein Dichter dichtet oft in Reimen.
Mitunter läßt er’s auch mal sein.
Grad so, wie’s ihm im Kämmerlein
Vor’m leeren Pergament will scheinen.

Der Kerzen Schein kann ich entsagen.
Auch Feder, Tinte und Streusand.
Was einst gebräuchlich in dem Stand,
Das ist dahin in unsern Tagen.

Heut sitzt man vor dem Monitore
Und tippt, was einem so einfällt.
Ob’s nur Lust bringt oder auch Geld;
Mitnichten steht das vor dem Tore.

Für mich persönlich ist’s Entlastung
Im täglichen Ellbogenspiel.
Was einem wenig, schätz ich viel,
Grad frei von psychischer Belastung.

Und so genieß’ ich die Gedanken,
Die mir tagein, tagaus entsteh’n
Und die mich zwicken fast wie Weh’n,
Zu weisen abseits in die Schranken.

Dann ist das Leben wieder heiter.
Manch schwere Last fällt von mir ab.
Hackt aber ’s Schicksal wie ein Rab’,
Dann schreib ich eben lustig weiter.

[2021]

Was fließt die Zeit


Was fließt die Zeit so lau dahin?
Die Menschen suchen einen Sinn
im ewiglichen Kreisverkehr
der Welt heraus zu finden.

Jedoch vergessen sie zumeist,
was es bedeutet, was es heißt,
im alltäglichen Allerlei
das eigne Glück zu binden.

Denn nichts, was uns so wichtig scheint
ist wichtiger, als wenn vereint
wir Schritt für Schritt
der Zukunft Band ergründen.

[2021]

Ein Elektron im Stromkreis


Ein Elektron, das sagte sich,
so ein Atom ist was für mich.
Da kann ich kreisen noch und nöcher
und fülle aus in die kleinsten Löcher.

Hab ich mal mehr, als ich dort brauche,
verzieh ich mich aus Atoms Bauche.
Erweitere den Horizont,
weil ich den Ausstieg hab gekonnt.

Komm mit dem Stromfluß ich ins Reine,
ist‘s Nachbarfeld gewiß dann meine
kurzzeitig neue Wirkungsstätte
auf meinem Weg zur Funkenkette.

Treff ich dann auf den Widerstand,
dann heißt das für mich: Allerhand
kann ich von meiner Last abgeben.
So ist’s im Elektronenleben.

Alsbald flieg ich durch fremde Sphären,
die ohne mich ungleicher wären.
Weil dort im Kern, in Atoms Mitten,
die Teilchen um den Ausgleich bitten.

Dann aber irgendwo am Ende,
gibt’s für mich vorerst keine Wende.
Ich kreise wieder vor mich hin
und hoffe auf den nächsten Sinn.

[2021]

Der Hypochonder


Wie zwickt und zwackt mir ’s ach im Rücken
Und wie tut’s mir im Bauche drücken
Und wer lindert durch stetes Wärmen
Die Krämpfe mir in meinen Därmen?
Von links nach rechts, mich plagt, oje,
Das Reißen vom Kopf bis zum Zeh.
Wie auch in meinem Munde hausen
Die reinsten Schmerzen. Ohrensausen
Bringt mich bald noch um den Verstand.
Ist das nicht Gicht in meiner Hand?
Was nützen Augen ohne Brille?
Mich sucht wohl heim jede Bazille.
Nun kommen auch noch diese Viren.
Da muß der Körper nun verlieren
Und ich an meinen letzten Tagen
Dem Apotheker Adieu sagen.

[2021]

Der rote Ball


Der rote Ball!
Will man das richtig sprechen
Und sich dabei
Die Zunge nicht zerbrechen,
So muß man wohl
Auch die Bedeutung kennen,
Um jeden Laut
Betonend klar zu trennen.

Der rote Ball und nicht der rote Ball!
Was heißt das wohl?
Worauf soll man hier achten?
Ist’s gar ein Witz,
Den wir betrunken machten?
Nur wenn man weiß,
Es gibt zwei rote Bälle,
Dann weiß man auch,
Wie spricht man diese Fälle.

Der rote Ball und nicht der blaue Ball!
Ein Wort allein
Ward hier einmal gewechselt
Und schon erscheint
Des Satzes Sinn gedrechselt.
Fürwahr ist hier
Das Metrum neu gewoben,
Weil Pudels Kern
Aufs zweite Wort bezogen.

Der rote Ball und nicht der rote Rock!
Ei, ei! Was soll
Der letzte Satz uns sagen?
Vielleicht nur dies:
Laßt uns ein Drittes wagen.
Denn nun tritt vor
Das Nomen in das Helle
Und nimmt jetzt ein
Des Sinnes erste Stelle.

Der rote Ball!
Hat also man
Drei Worte zum Verwenden,
Acht gut darauf,
Den Ton genau zu senden.
Nun lasse uns
Vom Leser ’s Urteil künden,
Ob rechtens ich
Das Wie-liest-man tat finden.

[2021]

Ehre dem Nichtstun


Auf denn! Laßt uns das Zaudern wagen.
Mit frohem Mut der Tat entsagen.
Wer ständig zögert voller Kraft,
Der hat das Nichtstun bald geschafft.
Und wenn er‘s durchführt unverdrossen,
hat er sein Pulver nie verschossen.

Denn wer trotz Arbeit sich nicht schindet
und immer eine Ausflucht findet,
daß er stets seiner Pflicht entflieht
und sich aus dem Erschaffen zieht,
wer Müh und Plag ins fremde Haus
stur delegiert tagein, tagaus,
dies permanent mit gleicher Miene,
als ob er so dem Wohlstand diene,
nur dem gebühret höchste Ehre
in jenem Reich totaler Leere.

[2021]

Die Katze auf dem hohen Sims


Ein Kater naht auf leisen Sohlen,
sich aus dem Nest den Spatz zu holen.
Und dieser, der noch längst nicht flügge,
hält ängstlich Ausschau nach der Brücke,
die ihn rechtzeitig fliehen läßt,
bevor es gibt ein Schlachtefest.

Doch nichts hält’s Schicksal hier im Zaum.
Die Eltern sind weit weg im Baum.
Was sollten sie auch hier ausrichten?
Es sind halt Raubtier-Fraßgeschichten.
Dies meinen unten auf der Straße
auch Gaffer aus der Medienblase.

Was werden das für Bilder sein,
wenn Kater frißt mit Haut und Bein
den armen kleinen jungen Spatzen.
Man hört bereits die Katze schmatzen.
So stehen nunmehr die Stative,
auf daß recht bald das Blutgeld triefe.

Doch was ist das? Von oben fällt
ein Stein; worauf verliert was hält
den grau melierten Stubentiger.
Der Sperling fühlt sich wie ein Sieger.
Denn schwer getroffen von dem Ziegel
verschied die Katz; drauf Brief und Siegel.

Die Meute unten vor dem Hause
gönnt sich nur eine kurze Pause.
Gerad genug um umzuschwenken,
nicht an den Vogel mehr zu denken.
Des Katers tödliches Malheur
gibt für die Presse viel mehr her.

[2021]

Zeit


Was ist die Zeit für eine sonderbare Kreatur.
Sie frißt die Zukunft auf in einer Tour,
um gleich darauf als Vergangenheit sie auszuscheißen.
Gerad noch neu, schon ist es altes Eisen.

Doch wandelbar ist sie bei ihrem Werken.
Aufdringlich mal, dann tut sie sich verbergen.
Und meist, wenn du genügend von ihr hast,
stellt sie es an, daß sie dir wird zur Last.
Brauchst du jedoch von ihr ein wenig mehr,
dann läuft sie umso schneller vor dir her.

Selbst wenn spaßeshalber du einmal zurück willst blicken,
macht sie sich scheinbar daraus ein Entzücken,
einst Geschehenes verwandelt weit entfernt zu lassen.
Fürwahr, die Zeit, sie ist nicht leicht zu fassen.


[2021]

Kritik der unreinen Vernunft


Gottlob, du hast fürwahr ein braves Wort gesprochen,
daß man sich heut nicht auskennt in der Welt.
Ich selbst hab wohl mit manchem Bild gebrochen,
weil vieles anders ist, als man mir hat erzählt.

Gleichwohl, so einfach ist es nicht auf Erden,
wenn jeder Fürst sein eignes Süppchen braut.
Die Mächtigen, auch wenn zum Teufel sie sich scherten,
haben ihr Erbe, scheint‘s, auf Ewigkeit gebaut.

Ob‘s Hierarchien sind, ob neue Oligarchen,
sie alle spielen mit uns Katz und Maus.
Zerbricht man sie und steigt in neue Archen;
Ob daraus wird ein schönes neues Haus?

Für mich gibt es da einige Bedenken,
daß uns zeitnah die Besserung gelingt.
Auch wenn die Massen hoffnungsvoll abschwenken,
wartet bereits das nächste Kalb geschwind.

[2021]