Märchen

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Schneeweißchen und Rosenrot

 

Einst gab am Wald es mal zwei Schwestern.

Schneeweißchen, Rosenrot. – Nicht lästern!

Die Namen hatten sie von diesen

zwei Bäumchen, die vorm Häuschen sprießen.

 

Zwei Rosenstöcke wunderschön

gesund und prächtig anzusehn.

Was ihre Mutter ständig freute.

Obwohl verwitwet, sie nicht reute,

 

daß sie auf ihr Waldhaus bestand,

wo selten nur ein Mann hinfand,

der eine von den drei’n verführt.

Sie haben’s halt so arrangiert.

 

Die Mädels, jung und schön und fleißig,

zählten zusammen grad mal dreißig

Jahre, die auf Erden sie hier wandeln

und Pflanz und Tier stets gut behandeln.

 

Sie rupften nur was nötig war

als Speise oder wenn es gar

einmal um die Gesundheit ging.

Zum Spaß nie man ’ne Fliege fing.

 

Das merkt bald auch ein brauner Bär,

als winters er von ungefähr

zehn Meilen tief im Unterholz

der Hütte nahte ohne Stolz.

 

Gar grimmig kalt war es in diesem

Jahr und gewiß nicht zum genießen

für Tiere dort, ob groß, ob klein.

Der Frost zog scharf durch Mark und Bein.

 

Auch war der Magen öfters leer

als sonst und Futter gab es sehr

viel weniger als andre Jahre.

Manch Waldgetier fraß eigne Haare.

 

Als nunmehr unsre drei im Hause

das Tier sahn macht ihr Herz ‘ne Pause.

Doch bald darauf, nach kurzer Zeit,

ist es zum Schlagen neu bereit.

 

„Habt keine Angst“, brummt leise Petz.

„Ich tu euch nichts – will keine Hetz.

Da draußen in dem Baumquartiere,

dort fürchte ich, daß ich erfriere.“

 

„So komm denn rein, du brauner G’sell

und wärm dich auf am Feuer schnell.

Auch sollst du was zu beißen haben.

Kannst dich in Ruhe bei uns laben.“

 

Sprach aus die Mutter, rief dann: „Kinder!

Kommt nur herbei. In diesem Winter

muß jedes brave Menschenherz

der Not gehorchend ohne Scherz

 

einander gütlich helfend steh’n

zur Tat. Ihr werdet es schon seh’n,

daß Gutes wird mit Gut vergolten,

wenn der, der nimmt gehört zum holden

 

Geschlecht der lieben guten Leute.

Fürwahr, ich glaub, er ist es heute.“

Um schwesterliche Angst zu dämmen,

begannen sie ihn gleich zu kämmen.

 

Sie schrubbten ihm nach dem Geheiß

das Fell, worauf er brummte leis,

daß ihm willkommen schien der Ort.

Auch schlugen sie den Schnee ihm fort.

 

Nur wenn sie es mal übertrieben,

dann knurrte er: „So toll ihr lieben,

laßt eines euch von mir wahrsagen,

sollt ihr den Freier nicht erschlagen.“

 

Doch dieses hörten nicht die zwei.

Auch Mutters Ohr war’s einerlei.

So kam die Nacht mit ihrer Ruhe.

Der Bär schlief an der Ofentruhe.

 

Am Morgen dann, nach Hahnes Schrei,

stellte dem Braunen man es frei,

sich in den weißen Wald zu trollen,

um dort der Wesensart zu zollen.

 

„Ich danke euch für eure Mühen,

klar will ich in die Wälder ziehen

für jene Zeit die unsre Sonne

uns wärmt mit ihrer holden Wonne.

 

Geht aus das Licht zur Abendzeit,

dann möcht ich, wenn es euch nicht reut,

gern wiederkommen Tag für Tag.

Ich fühl mich wohl hier, ohne Frag.“

 

Das Einverständnis ging von statten

und fast wie viele tausend Gatten

ging morgens aus der braune Bär

und kam am Abend wieder her.

 

So ging es durch des Winters Monde,

bis daß es sich im Frühling lohnte

die notgedrungen dicken strängen

Wintersachen wegzuhängen.

 

„Jetzt kommt die Zeit, ich lieben Mädchen,

daß ich heim muß ins eigne Städtchen,

daß ich nach meinen Schätzen schau,

die wohl verwahrt in meinem Bau.

 

Doch sind die Zwerge listig arg.

Nichts ist geschützt, was man verbarg

vor ihren Augen, ihren Krallen.

Da nützen keine Schildvasallen.

 

Habt Dank noch mal für Unterkunft.

Nicht oft trifft man auf jene Zunft,

die ohne, daß man sie belohnt

einwilligt, daß man bei ihr wohnt.“

 

Zwar wollten sie nicht gehen lassen

die Mädchen ihren Bären, fassen

ließ derselbe sich doch nicht.

Drang mit Nachsicht an das Licht.

 

Dabei blieb zurück ein Büschel

an der Klinge nah beim Tischel

braunes Fell wie von ‘ner Jacke.

‚Schien mir da ‘ne goldne Zacke?‘

 

glaubt Schneeweißchen zu erspähen,

doch der Bär ist nicht zu sehen

schon nach ein paar Augenblicken.

Nur die Zweige wippen, knicken.

 

Sommer ist bald in der Heide.

Pferd auf Acker – Schaf auf Weide.

Menschen tragen bunte Kleider,

denn der Himmel zeigt sich heiter.

 

Auch in Waldes naher Hütte

zeigt sich Frohsinn in der Mitte.

Dennoch heißt es zeitig sorgen,

daß man denkt voraus an Morgen.

 

Somit schickt die weise Mutter

ihre Töchter nicht nach Futter

sondern nach dem Reisig aus,

das davon genug im Haus,

 

wenn die Tage werden älter

und die Nächte spürbar kälter.

Ohne lange nachzufragen

gehen beide Holz zu tragen.

 

Dann draußen, wo gefällt ein Baum,

erscheint es ihnen wie im Traum,

tanzt hin und her und auf und nieder

ein bärtig Mann, dem klein die Glieder.

 

Er ist gar drollig anzusehen

und beide Mädchen bleiben stehen.

Sie halten sich bei ihren Händen

und können keinen Blick abwenden.

 

So werden sie vom Zwerg erspäht,

der kurz mal ausruht, schnaubend steht

und ruft mit seiner Stimme grell

die beiden zu sich: „Aber schnell!

 

Seht ihr nicht dieses Baumgefängnis?

Und wie es meinem Bart so eng is‘?

Helft mir aus meiner dummen Lage.

Ich hab nicht Zeit die ganzen Tage!“

 

Nun packen sie den kleinen Mann,

indes er schreit, so laut er kann

und sie beschimpft mit bösem Wort

und Ach herrjeh und Zeder, Mord.

 

Doch alles hilft nichts, keine Chance.

Der Kobold verliert die Balance

und wäre fast vom Baum gefallen.

Noch lauter hört man’s Schreien, Hallen.

 

‚So kommt der niemals wieder los‘,

denkt sich Schneeweißchen. Aus dem Schoß

des Bündels, das sie bei sich trägt,

nimmt sie die Schere unentwegt.

 

Noch ehe er was sagen kann,

ist kurz der Bart, doch frei der Mann.

„Oh Hexen ihr! Was fällt euch ein?

Wie könnt ihr mich nur so befrein?

 

Wer hat euch so was aufgetragen.

Die Wut kocht mir in meinem Magen!

Hat so was je die Welt erfunden?“

… und ist von jetzt auf gleich verschwunden.

 

Eh beide Mädchen hier vergammeln,

wenden sie sich, um Holz zu sammeln.

Das bringen sie dann auch nach Haus

und schütten ‘s gleich der Nachricht aus.

 

Auch Mutter kann den Kopf nur schütteln:

„Am bösen Mann ist nicht zu rütteln.

Doch laßt euch nicht vom Geiz beirren

und nicht von Lug und Trug verwirren.“

 

Es trug sich zu, zu jener Zeit,

daß Fisch man angelt weit und breit.

Auch Weißchenschnee und Rosenrot

versuchten sich in dieser Mod‘.

 

Kaum waren sie am alten Weiher,

da hörten sie bekannte Leier.

Bekannt auch war der schräge Hang,

an dem der Gnom mit Fischen rang.

 

Das Ringen war schon ziemlich hart;

ein Fisch verbiß sich in den Bart

der wohl als Köder dienen sollte.

Gleichwohl der Angler fast rein rollte

 

ins kühle Naß, in Neptuns Reich.

„Wollt ihr nicht kommen, helfen gleich?“

schrie bald der Zwerg, als er sie sah.

Der Schwersten Arme waren da.

 

Sie zogen wie ein Déjà-vu.

Doch Vorteil erstand nicht für sie.

Viel eher wurden sie gezogen

mitsamt dem Troll in feuchte Wogen.

 

Da nahm Schneeweißchen in der Not

erneut die Schere aus dem Lot

und dankbar für den schnellen Schnitt

müßt jeder sein, der nicht mehr litt.

 

Freilich der grimmig alte Zwerg

hielt seinen Zorn nicht hinterm Berg.

„Wer hat euch Gänse nur geheißen,

mir meinen Bart gleich auszureißen?

 

Oh, welche Unvernunft herrscht heute?

Gibt es denn nur noch dumme Leute?

Soll sein das heuer Sinn und Zweck?“

Kaum, daß man’s sah, war er schon weg.

 

Zwar war den Schwestern nicht zum Lachen.

Doch was, frag ich, sollt anders machen

man in der dummen Situation?

Gleich welcher Schritt – Undank ward Lohn.

 

Ein Tag verging nun nach dem andern.

Die Mutter bat die zwei zu wandern

hin in die Stadt zum Markt nach Zwirn

und Nadel, Faden. „Nicht verwirr‘n

 

sollt ihr euch lassen von der Pracht.

Auch seid zurück noch vor der Nacht.“

Die zwei versprachen‘s in die Hand

und liefen lustig übers Land.

 

Da sahen beide schon von weiten

sich jenen Zwerg mit Adler streiten.

Der wollte ihn in jenem Forst

forttragen dort zu seinem Horst.

 

Nicht eingedenk der schlimme Worte,

die man gehört am andren Orte

von eben jenem miesen Troll,

will man doch helfen, wo man soll.

 

Gerade noch am Hosenbein

erfassen sie das Zwergelein

und wetten gegen Adlers Kräfte.

Wer hat nun wohl die stärk‘ren Säfte?

 

Letztendlich muß der Vogel lassen

die Beute frei. „Ist nicht zu fassen,

wie ihr schon wieder mich geschändet

und meiner Würde mir entfremdet.

 

Schaut mich nur an, wie ich hier stehe.

Nie wird es gut, obgleich ich nähe

mir jeden Riß von neuem zu.

Wann laßt ihr Gören mich in Ruh?“

 

Jetzt sahen beide Mädels auch,

er hatte einen Sack im Stauch,

in welchem es nur blitzt und funkelt.

So wird oft von ‘nem Schatz gemunkelt.

 

Doch ehe sie es recht verstehen,

können sie ihn erneut nicht sehen.

Wohin er jedes Mal entrann?

Das weiß man nicht. – Ist klein der Mann!

 

Nachdem die beiden in der Stadt

erledigt haben, was man hat

so auf dem Markte zu bewerken,

zu trinken und auch sich zu stärken,

 

geht es nach Hause über Weiden.

Kein Zwerg mag ihren Weg verleiten.

Gleichwohl die Hoffnung hat getrogen.

Ein Sack voll Gold, nicht zugezogen

 

stand plötzlich da am Wegesrand

nebst jenem Gnom im tiefen Sand.

Schon wollt der Troll, daß sie sich trollen

und nicht um ihn sich kümmern sollen,

 

als laut ertönt ein Bärenschrei.

Von dem er stammt, ist auch dabei.

Die Mädchen springen beide schnell

zur Seite. „Ach, wär es nicht hell,

 

daß Licht, das den Bär zu uns weist,

damit er uns als Fraß zerreißt.“

Mitnichten springt das Tier zu ihnen.

Viel eher zu dem Schatz aus Minen,

 

der jüngst noch sein war, als der Zwerg

ihn stahl und raubt aus tiefstem Berg.

„Ach lieber Bär“, barmt jetzo dieser,

„bestimmt heißt man dich hier Genießer,

 

der nichtig Mahl verschmähen kann.

Nur Größe ziert den echten Mann.

Wenn freilich frisches Fleisch dir mundet,

dort im Gebüsch hast du’s erkundet.

 

Zwei zarte Bissen für den Fürst

des Waldes, der du sicher wirst.“

Doch auch die schönsten Schmeicheleien

lullten den Bären niemals ein.

 

Er gab dem Zwerg mit seiner Tatze

‘nen groben Schlag, daß dessen Fratze

nie mehr dem Sinnenlichte nah,

auch keinen Mond und Sterne sah.

 

Mit Menschenstimme rief der Bär:

„Schneeweißchen, Rosenrot! Kommt her!

Kein andrer als der Wintergast

bin ich und böse Zauberlast

 

ließ mich als wildes Tier erscheinen.

Wollt ihr euch nicht mit mir vereinen?

Erst wenn sein Tod als Lohn gerecht

bin Königs Sohn ich wieder echt.“

 

Als dies die Schwestern hörten just

entsprangen sie des Strauches Brust.

Gerad als bei dem Tier sie waren,

konnte er aus dem Felle fahren.

 

Stand da als schöner junger Mann

und hatte goldne Kleider an.

Alsbald Schneeweißchen ihm vermählt.

Sein Bruder Rosenrot erhält.

 

Auch ihre Mutter zog ins Schloß,

wo sie ihr Altenteil genoß.

Genauso wie die Rosenstöcke,

die schöner ihr als alle Röcke.

 

[2009]