Märchen

HOME

 

Die Schneekönigin

 

Es scheint, zuweilen kommt das Böse

mal leise und mal mit Getöse.

So hat getan ein arger Troll

dereinst genau was er tun soll‘.

 

Er schuf aus vielen Bergkristallen

‘nen Zauberspiegel. Denn gefallen

wollt sich darin der Grobian.

Man sah es ihm von weitem an.

 

Doch nicht nur selbst konnt‘ er sich sehen.

Auch in die Welt hinaus, erspähen

die guten und die schlechten Leute.

Ich glaub, dergleichen bräucht man heute.

 

Mitnichten bräuchte man hingegen,

die dritte Spiegelkunst. Verwegen

dreht er was gut war und was schön

ins Gegenteil. Nie hat geseh’n

 

man einen größren Höllenstreich.

Arm wurde der, der einmal reich,

indes noch ärmer all die Armen.

Der Zauber kannte kein Erbarmen.

 

An einem Tag sah er zwei Kinder,

die glücklich schienen trotz das Winter

war mit Kälte und mit weißem Tod.

Die zwei bezwangen jede Not.

 

Geschwister waren nicht die beiden,

doch konnten sich genauso leiden,

als seien sie aus einem Guß.

Ein Herz, ein Kopf, ein Bauch, ein Fuß.

 

Das Mädchen Gerda man hier nannte

und Kai den Jungen, weil die Tante

es einst den Eltern hat geraten.

„Ein Held hieß so bei den Soldaten.“

 

Noch war sein Heldentum gering,

doch wenn es um das Spielen ging,

und um der Gerdas großes Glück,

dann hielt er sich niemals zurück.

 

Die ihrerseits auch nicht verzagte,

wenn mal ein Bengel schlimmes sagte.

Sie hielt sich fest an Kai’es Hand

und war mit ihm davon gerannt.

 

Mit Blumen spielten beide gern

und freuten sich am Morgenstern.

Hingegen ihre größte Freude,

war wenn es draußen glitzernd schneite.

 

Dann saßen sie bei der Großmutter

und lauschten still bei Brot und Butter,

was ihnen Gerdas Oma sagte,

der wiederum es sehr behagte.

 

All das mißfiel dem Troll gar sehr.

Und wendete den Spiegel er

noch mal so oft. Doch ohne Wandel.

„Hier braucht es schon ‘nen stärk‘ren Handel!“

 

In seiner Wut und Unverstand

warf er herum, was er so fand.

Dabei kam er dem Spiegel nah;

sah nicht voraus, was dann geschah.

 

Ein Stuhl fiel in den Spiegel rein.

Die Scherben groß, die Scherben klein;

sie alle stoben durch die Welt.

So kam das Unheil wie bestellt.

 

Die großen Stücke dienten Leuten,

die sich am Unglück andrer freuten,

indem man nur aufs Schlechte wies

und keine Chance zum Bessern ließ.

 

Die kleinen Scherben unterdessen,

die schienen ganz darauf versessen,

sich in das Herz von guten Knaben

hinein zu setzten. Darauf haben

 

sich all die einst so braven Kinder

verwandelt in wahrlich nicht minder

arg häßlich schlimme Kreaturen,

die nur auf Schabernack abfuhren.

 

Das Herz, einst warm und liebenswert,

ward durch den Splitter umgekehrt.

Das traf auch auf den Kai nun zu,

der plötzlich fand: „‘ne dumme Kuh

 

sei Gerda, wenn sie spielen wolle

im Zimmer, derweil draußen tolle

ist, Leute mit Schnee zu beschmeißen

oder Eiszapfen abzureißen.“

 

Gab Großmutter mal einen Rat,

was oft sie wie auch gerne tat,

verwarf er ihn mit Nichtigkeit

und war zum Streiten stets bereit.

 

Selbst Gerdas Blumen riß er aus.

Er höhnte noch: „Mach dir nichts draus.

Schau an die Eissterne am Fenster.“

„Ach, Oma, sehe ich Gespenster?

 

Was ist denn mit dem Kai nur los?

Wie helfe ich? Was mach ich bloß?“

„Vielleicht, du liebe Enkelin,

hat er heut nur den frechen Sinn?

 

Vielleicht ist morgen, wenn die Sonne

erst wieder scheint voll warmer Wonne,

der ganze Spuk mit weggeweht?

Vielleicht ist es noch nicht zu spät?“

 

„Zu spät?“ fragte das Mägdelein.

„Wofür kann es zu spät wohl sein?“

„Für der Schneekönigin Gefahr.

Denn sie kommt manchmal in ‘nem Jahr,

 

wenn es besonders heftig schneit.

Dann naht sie von dem Schloß ganz weit

hoch im Norden, aus der Kälte. –

Wäre Frühling doch nur bälde!“

 

Der Kai, der alles dies vernahm,

lachte darüber ohne Scham.

Ins Schneegestöber lief er raus.

Nichts hielt ihn mehr im warmen Haus.

 

Er griff sich seinen Schlitten schnell.

Schien es auch draußen nicht mehr hell.

Stahl skrupellos des Schneemanns Nas‘.

Verdarb den andren ihren Spaß.

 

Nun diese alsbald heimwärts gingen,

um dort am Ofen brav zu singen

von Liebe, Freundschaft, Herzensgüte.

Kai seine neue Art bemühte

 

zu springen durch den kalten Wind.

Da kam ein Schlitten her geschwind.

Gezogen wurde er von Tieren,

denen Geweihe Köpfe zieren.

 

Zwölf Glöckchen klangen wunderbar.

Jetzt wurde Kai die Frau gewahr,

die eingehüllt in Fellen saß

und köstlich süße Eiskrem aß.

 

Wie stoben da um sie die Flocken.

Sie brauchte ihn nicht lang zu locken.

Geschwinde band er seinen Schlitten

an des Gefährtes hint're Mitten.

 

Anschließend stieg er zu der Frau.

Ihr Körper war vor Kälte blau.

Doch schien sie ihm ganz mollig warm,

als sie ihn nahm in ihren Arm.

 

Dann gab sie Kai noch einen Kuß,

damit er ihr stets folgen muß.

Gefühle hatte er nun keine.

Sein Herz erfror, wie seine Beine.

 

Zwar sah man an ihm nichts mehr rot,

hingegen war er fern dem Tod.

Lebte hinfort als Eisfigur.

Das gibt es halt im Märchen nur.

 

Auch kaum daß er hat kurz gesessen

war schon die Heimat längst vergessen.

Vergaß die Gerda, Eltern beide.

Hatte an Eis nur seine Freude.

 

So ging es viele Stunden lang

und Meilen auch. Nicht wurd ihm bang.

Gerade diese eisig Stille

schien unsrem Kai sein einzig Wille.

 

Letztendlich war das Schloß erreicht.

Der Junge fühlte sich so leicht,

daß kaum das sie sich wegbewegte,

er übers Eis ihr folgend schwebte.

 

Jetzt in der Schneekönigin Haus

sah alles kalt und eisig aus.

Auch wenn es scheinbar himmlisch war,

fehlte die Wärme ganz und gar.

 

Mit ihrem weiten Mantel schon

saß Königin bald auf dem Thron.

Zu ihren Füßen, ganz benommen,

hatte Kai einsam Platz genommen.

 

Nichts fühlte er und an nichts dachte

der arme Junge. Plötzlich lachte

die Schneekönigin boshaft auf.

„So nimm denn Schicksal deinen Lauf.“

 

Zuhause, bei des Kai’es Seinen,

war nun mehr alles auf den Beinen.

Trotzdem, der Bub war nicht finden.

Kein Schritt ließ sich zur Spur verbinden.

 

Schließlich war man dazu bereit

zu glauben, daß für alle Zeit

der Junge unauffindbar sei

und ließ jetzt Trauer, Tränen frei.

 

Als endlich letzte Trän‘ verronnen,

das Frühjahr hatte längst begonnen,

der Schnee war weg, es blühten schon

die ersten Blumen, Sonnenlohn,

 

da dauerte es auch nicht lang,

die Vögel zeugten mit Gesang,

daß sie nun wieder sind erwacht

aus jener kalten Winternacht.

 

Nur Gerda ließ sich nicht verleiten,

wie alle sonst zur Tat zu schreiten,

wie alle sonst sich einzustehen,

daß Kai man wird nie wiedersehen.

 

„Er ist nicht tot. Ich kann das spüren.

Die Vögel werden mich schon führen

dorthin, wo jetzt sein Schicksal weilt.

Es ist mitnichten übereilt.“

 

Sie zog sich ihre Schuhe an,

aus rotem Leder überm Spann.

Gab einen Kuß der Großmama:

„Ich bin mit Kai bald wieder da.“

 

Worauf sie lief zu jenem Fluß,

der wohl gesehen haben muß,

wohin der kleine Bub verschwunden.

„Ich glaub nicht, daß er drin versunken.“

 

Sie bot gar ihre Schuh zum Tausch,

doch jener Fluß hielt keinen Plausch

mit ihr. Schwemmte die Pumps zum Ufer,

wo nirgends war zu sehn ein Rufer.

 

Jedoch erblickte sie ein Boot,

das geradewegs schien ihre Not

ein ganz klein wenig abzumildern.

Wie rudert man? Sie wußt‘s von Bildern.

 

Mit blanken Füßen stieg sie ein

und setzte sich auf den Sitz fein.

Als sie jedoch die Ruder nahm,

ein Windstoß unerwartet kam.

 

Der ließ das kleine Boot erzittern.

Das Mädchen konnte wohl verbittern,

weil nun ihr fielen aus den Händen

die Ruder gar. Ihr Unglück wenden

 

vermag vielleicht grad mal ein Gott.

Bislang kam vom Olymp nur Spott.

Das Boot trieb fort mit Gerda drin.

Zu Weinen kam ihr in den Sinn.

 

Letztendlich konnte sie nichts machen,

so raffte Gerda ihre Sachen

und schaute nach ‘ner Rettung aus,

die heil sie brachte in ihr Haus.

 

Da war am Ufer zu erblicken

ein kunterbuntes Tal mit schicken

Blumen, Bäumen und auch Tieren,

die ein schönes Leben führen.

 

Dazwischen stand ‘ne alte Hütte

genau in jenes Tales Mitte.

Zwei Holzsoldaten hielten Wache,

während fünf Vögel auf dem Dache

 

ein wunderschönes Lied darboten.

Geschützt vor Katers schnellen Pfoten.

Jetzt griff die Gerda ihre Chance,

hielt weiter sorgsam die Balance,

 

rief schnell zum Ufer laut hinüber,

ein Rettungsanker wär ihr lieber,

als weiterhin im Fluß zu treiben.

„Ich werd auch Dankesbriefe schreiben!“

 

Gerade noch zur rechten Zeit,

kam eine Frau, alt doch bereit,

das Mädchen aus der Not zu retten.

Das sie’s vermocht, ihr könnt drauf wetten.

 

Die Dame raffte ihren Rock

und ging ins Wasser mit dem Stock,

den sie zunächst als Stütze nutzte,

nicht achtend, daß sie sich beschmutzte.

 

Gebrauchte flugs den runden Griff,

heranzuziehn das Ein-Mann-Schiff.

Stand sodann auf dem Land ganz trocken.

Pardon, naß waren ihre Socken.

 

„Hör endlich auf mit deinen Tränen.

Kannst als gerettet dich jetzt wähnen.“

„Ich weine doch nicht wegen mir.

Mein Freund, der Kai, ist nicht bei dir?“

 

„Nicht daß ich etwas davon wüßte.

Komm in das Haus, wärm dir die Brüste.

Dir ist bestimmt erbärmlich kalt?

Wirst du jetzt krank, wirst du nicht alt.“

 

Dem konnte nichts entgegnet werden,

da Gerda wollte noch nicht sterben.

Sie folgte also ohne Worte

der Retterin zu ihrem Orte.

 

Drinnen, in einem alten Zimmer,

fehlte den beiden Wärme nimmer.

Die Frau kochte schnell etwas Tee.

Das Mädchen auf dem Kanapee

 

schaute sich still im Raume um

und hielt sich sonst recht sittsam stumm.

Alsbald die Dame mit dem Trunk

erschien, sprach sie, nicht mehr sei jung

 

sie schon seit ach so vielen Jahren.

„Jetzt möchte ich vom Leid erfahren,

daß dich, mein Kind, hat so gezeichnet.“

Drauf hat die Maid alles gebeichtet.

 

Nachdem das Leid ist aufgezählt,

meinte die Frau: „Das Schicksal wählt

die stärksten von den Starken aus.

Das ist mitunter schon ein Graus.

 

Doch bleibst du hier für eine Zeit,

dann tut es dir bestimmt nicht leid.

Es wird sich schon für dich was finden,

ob Blumen gießen, Kränze binden.“

 

Vom Tee nahm Gerda einen Schluck

und war ganz anders mit ‘nem Ruck.

All das, was sie an Heim besessen,

hatte sie plötzlich ganz vergessen.

 

Sie dachte nicht an Kai zurück.

Auch nicht, was für sie sonst als Glück

galt in dem noch recht jungen Leben.

Sie war bereit es wegzugeben.

 

Nun fragt man sich, wie das geschah.

Wohl jene Frau, dem Greise nah,

verstand sich gut mit Zauberdingen.

So konnte ihr der Clou gelingen.

 

Zwar mochte sie das Mädchen sehr,

doch Einsamkeit war für sie schwer.

All ihre Blumen, Vögel, Bäume

halfen nicht viel gegen die Träume,

 

die sie von einem Leben hatte,

nachdem verstorben war der Gatte.

„Ein Kind wünsche ich mir von Herzen.

Gingst fort du, könnt ich’s nicht verschmerzen.“

 

„Sei einst getrost, du liebe Muhme,

ich bleib dir treu, wie jede Blume,

die draußen wächst in deinem Garten.

Darauf mein Wort. Du mußt nicht warten.“

 

Die Wochen gingen wie sonst Tage.

Gerda, das Mädchen, ohne Frage

war fleißig ohne Unterlaß,

während die Frau im Lehnstuhl saß.

 

Sogar die Blumen waren hold

dem Mädchen, das ein Herz aus Gold,

wie man so sagt, im Busen trug.

Nur Höflichkeit, nie Arg und Trug.

 

Als freilich eines Tages dann

ein roter Rosenstock begann

der Uhr des Lebens nach zu sterben,

gedachte Gerda all der Scherben,

 

die sie bereits hat sehen müssen

und beugt sich nieder um zu küssen,

die Rosenblüten in den Händen,

tat sich das Schicksal erneut wenden.

 

Ihr fiel ihr Leben wieder ein:

„Wie konnte ich vergessen mein?

Warum vergaß ich meinen Kai?

Ach, gute Frau, gib mich doch frei!“

 

Sie sprang hernach durch alle Reihen.

„Ihr Blumen all, ihr müßt verzeihen.

Sagt ihr doch, wo mein Kai jetzt ist.

So antwortet, wenn ihr es wißt!“

 

Und in der Tat, man soll’s nicht glauben,

hörte das Mädchen leises Schnauben.

Vernahm ein Flüstern, wenn auch leise,

was sonst doch gar nicht Pflanzenweise.

 

Hingegen allem ersten Hoffen,

stand unser Maid der Pfad nicht offen.

Was auch die Blumen alles sagten,

über die eignen Blätter ragten

 

die Antworten wohl kaum hinaus.

Sie sonnten sich im eignen Schmaus.

„Ihr wollt und könnt mir doch nicht helfen.

Ach, gäbe es doch Wunderelfen,

 

die meine Pein können mir lindern.

Ich will hier nicht noch überwintern.

Zu lange schon war ich am Ort.

Jetzt muß ich aber schleunigst fort.

 

Der Frühling ging, der Sommer kam

und mich verwünscht gefangennahm.

Jetzt steht bereits der Herbst am Tor

und kommt sich ziemlich mächtig vor.“

 

Beherzt das Mädchen lief davon,

verzichtete auf jenen Lohn,

der ihr wohl hätte zugestanden,

nach all der Mühe hierzulanden.

 

Barfüßig, denn die roten Schuhe,

lagen gewiß noch in der Truhe,

die jene alte Zauberfrau

versteckt in ihrem Hause schlau,

 

begab sich Gerda auf die Reise.

Wahrhaft nicht grad die beste Weise.

So blieb nicht aus, daß nach vier Stunden,

die Füße ganz und gar zerschunden.

 

Auch nagte arg der Hunger sehr.

„Wo nehme ich zu essen her?“

Mitnichten gab der Wind ihr Rat,

der beißend wehte durch den Staat.

 

So kroch das Mädchen in ‘nen Strauch.

Zerriß sich‘s Hemdchen und den Bauch.

Hingegen konnte sie es wagen

an mancher wilden Frucht zu nagen,

 

die reichlich an dem Gestrüpp hing.

Geschmacklich war es nicht ihr Ding.

Doch trieb ein leerer Magen stur

zum Mahl der Früchte aus der Flur.

 

Als Gerda so im Busche saß

und wie gesagt, gezwungen aß,

hörte sie in der Nachbarschaft

‘ne Krähe hacken ungestraft.

 

Dann war es noch, als ob sie spräche

auf einem Ast, der ziemlich schräge

vom Stamm der nahe Buche ragte.

Drauf ihn das Mädchen einfach fragte:

 

„Hast du gesehen meinen Kai?

Kam er etwa an dir vorbei?“

„Gewiß, gewiß! So war es schon.

Doch sitzt er jetzt auf einem Thron.

 

Ist Prinz bei unserer Prinzessin.

Und ich sag dir, das hat schon Sinn.“

„Zeig mir den Weg zu diesem Schloß“,

springt Gerda aus dem Strauche los.

 

Mal flog die Krähe mit „Kra kra.“

Mal hüpfte sie der Gerda nah.

So kamen beide nach zwei Stunden

zu einem Ort, wo eingefunden

 

sich hatte just ein zweiter Rabe.

„Was ruft die Elster?“ fragt der Knabe

im schwarzen Frack aus Federn fein

den andren Vogel, der allein

 

für sich auf einem Aste hockte

und rabenartig andre lockte.

„Zunächst stell mich dem Kinde vor.

Sie glaubt sonst noch, ich wär‘ ein Tor.“

 

„Gewiß, Frau Rabe, bitte sehr.

Das hier ist Gerda von weit her.

Und das ist meine liebe Frau.

Nun wissen ‘s alle ganz genau.

 

Doch sag schnell an, was wird berichtet?

Wie wurde einst der Prinz gesichtet?“

„Die Elster, welche sehr schwatzhaft,

ist in der Tat doch fabelhaft,

 

wenn es um neue Nachricht geht.

Dann kommt sie niemals nicht zu spät.

So ist Prinzesschen, dort vom Schloß,

geritten aus auf ihrem Roß.

 

Just hat ein Jüngling sie gefunden

und war alsbald mit ihm verbunden.

Nun leben beide bei dem Vater.

der hat geteilt, ohn‘ viel Theater,

 

sein Hab und Gut in allen Dingen,

seit Finger sind bestückt mit Ringen.“

„Doch mag es auch mein Kai wohl sein?“

„Das Rätsel löst ein Blick allein.“

 

„Könnt ihr mich zu dem Schlosse führen?

Vielleicht sind offen mir die Türen?“

Die beiden Vögel krächzten heiter,

so ging das Abenteuer weiter.

 

Schon bald, hinter einer Biegung

des Weges erschien als Fügung

des Schicksals jener Königsbau.

Gerda wurde ’s im Magen flau.

 

Überall in den Mansarden

sah man des Königs Wachen warten.

Trotzdem, als seien sie nur Schein,

kam man ganz leicht ins Schloß hinein.

 

Dort in dem prachtvollen Saal

wußte Gerda mit ‘nem Mal

nicht mehr ob für ihren Kai

es hier nicht doch besser sei.

 

Lebt er hier ganz ohne Sorgen?

Braucht sich nicht zu müh’n für morgen?

Ist gar Prinz mit einer Frau

die ihn liebt. Es wär nicht schlau

 

ihn aus dieser Pracht zu reißen,

nur um allen zu beweisen,

daß sie ihren Willen hat,

wenn sie heimkommt in die Stadt.

 

Doch ehe sie die Lösung findet,

ward Prinz und Prinzessin verkündet.

Mit ihnen trat der halbe Staat

gar lustig ein als ob man hat

 

den ganzen Tag nur Spaß und Freude

und niemals eine Tat bereute.

Als ob es auf der Welt nur Tanz

und Spiele gäbe, Mummenschanz.

 

Ganz anders ging es Gerda hier.

Sie sah bereits an jener Tür,

durch die sich die Gesellschaft wand,

daß sie hier ihren Kai nicht fand.

 

Der Prinz war schön, ganz ungelogen,

und sicher auch sehr wohl erzogen,

doch Gerdas Freund war er mitnichten.

sie mußte weiter nach ihm sichten.

 

„Wer ist denn sie?“ ward sie gefragt.

„Sie, die sich in den Thronsaal wagt?“

„Vergebt mir bitte, Euer Gnaden,

daß ich gekreuzt hab Eure Pfaden.

 

Ich bin die Gerda, such den Kai.

Und meine Hoffnung war so frei,

ihn in Euch wiederzuerkennen.

Ich irrte mich. Muß weiterrennen.“

 

„Wart doch ein wenig, kleine Maid.

Mag sein dein Weg auch noch so weit.

Gehört wir haben von dir schon.

Für deinen Mut gebührt dir Lohn.“

 

„Wir glauben auch, mit kurzen Worten,

dein Kai lebt jetzt im hohen Norden.

Die Königin von Schnee und Eis

hat ihn geholt, wie man wohl weiß.“

 

„So brauchst du, willst du nicht erfrieren,

‘nen dicken Pelz vom Fell von Tieren.

Hier hast du Mütze und Handschuhe

und Stiefel, Mantel aus der Truhe.“

 

„Hinzu bekommst du Pferd und Wagen.

Der wird dich in die Arktis tragen.

Und warten, bis dein Kai ist frei.

Dann kommt ihr wieder hier vorbei!“

 

Das kleine Mädchen, rot vor Glück,

bedankte sich: „Klar, wenn zurück

wir sind aus ewig Eis und Schnee,

dann feiern wir ein Fest, juchhe!“

 

„Wir wollen jedoch drauf bestehen,

dich heute Nacht noch hier zu sehen.

Scheint morgen früh die Sonne nieder,

kannst du auf Reise gehen wieder.“

 

Dagegen zwangen Gerda Sorgen,

nicht drauf zu warten, daß am Morgen

Kai käme und der alte wäre

und nicht verweilt in dunkler Sphäre.

 

Sie zog die warmen Stiefel an

und nahm den dicken Mantel dann.

„Verzeiht mir bitte, ihr Hoheiten,

daß ich noch heut möcht weiterreiten.

 

Viel Zeit hab ich bislang verloren,

wo Eile ich mir hab geschworen.“

„Nun denn, daß auf den Weg sie rutsche,

spannt an des Königs goldne Kutsche!“

 

Der Kutscher fuhr durch Wiesen, Auen.

Ganz ohne Lust, sie anzuschauen,

saß Gerda ganz allein im Wagen

und hoffte nur, nicht zu verzagen.

 

Aus Tälern wurden hohe Berge.

Aus hohen Bäumen Kiefernzwerge.

Dann sah man wieder einen Wald.

Trotz warmer Kleidung ward es kalt.

 

Zu düster waren die Waldwege

da oftmals grade nicht, oft schräge.

Hingegen auf dem Bock der Mann

wußte genau, worauf kam an

 

es, will man ‘nen Unfall vermeiden,

muß er geschickt die Pferde leiten.

So blieb nicht nur das Schicksal hold,

auch heil die Kutsche, die aus Gold.

 

Indessen Gold glänzt weithin sehr.

Hier lockte es die Räuber her.

Im tiefsten Wald, wo nichts mehr helle,

waren alsbald sie nun zur Stelle.

 

Sie knallten laut mit den Pistolen,

um sich die Schätze wegzuholen.

Man gab dem Kutscher keine Chance.

„Was ist denn das für eine Schranze

 

vom Hof des Königs? Ach wie fein.

Bist du des Herrschers Töchterlein?“

wollten die Räuber gierig wissen,

nachdem die Tür sie aufgerissen.

 

„Ach, ihr lieben Räuberleute.

Bin für euch doch keine Beute.

Bin ein armes Mädchen nur,

das allein durch fremde Flur

 

nach dem Kai noch Ausschau hält,

der am Ende dieser Welt

in der Hand von Schnee und Eis“,

sprach die Gerda, schon ganz weiß.

 

Drauf schrieen die Räuber noch mehr:

„Holt schnell unseren Hauptmann her!

Zu all den vielen goldnen Sachen,

gibt’s obendrauf noch was zu lachen.“

 

Man packte ’s Mädchen bei den Armen.

und kannte wahrlich kein Erbarmen.

Sie ward geknebelt und gebunden

und flugs zum Lager hin geschunden.

 

Auf einem Baumstumpf, wie ein Thron,

wartete jener Hauptmann schon.

Doch war’s ein Mann nicht, war ein Weib

mit einem wohlgefüllten Leib.

 

Um den hat sie ‘nen Gurt geschwungen,

patronenvoll. Gut ist gelungen

ihr jener Anblick dergestalt,

daß man sich fürchtet, dort im Wald.

 

„Was bringt ihr für ein leckres Täubchen?“

„Hat sie nicht auf ein hübsches Häubchen?“

„Ihr werdet Euch die Finger lecken,

wenn Ihr Euch laßt das Täubchen schmecken.“

 

Bei dem Gespräch ward Gerda bange:

„Ich glaub, ich lebe nicht mehr lange. –

Frau Räuberhauptmann, bitte sehr,

ich gäbe gern mein Leben her,

 

wär ich heut nicht auf großer Fahrt.

Ihr könnt nicht sein so herzlos hart.“

„Ei so etwas,  das Hühnchen spricht.

Bringt es mir näher an das Licht.“

 

Da knallte laut, wer hätt gedacht,

daß Räubern etwas bange macht,

ein Mädchen, auch gehüllt in Felle,

mit ‘ner Kanone auf die Schnelle.

 

„Nichts da! Ich will das Kind für mich!

Ihr habt an Gold doch sicherlich

mehr als reichlich heute erworben.

Bedenkt, mein Kater ist gestorben!“

 

„Nachdem du ihn gequält hast lange“,

kniff ihr die Alte in die Wange.

„Doch wenn du, Tochter, sie willst haben,

dann sei der Zwist um sie begraben!“

 

Da zog das Mädchen Klein-Gerda

in eine Höhle, die recht nah.

„Wenn du machst, was ich dir befehle,

behältst du Leben wie auch Seele.

 

Willst du jedoch mit mir nicht spielen,

so sollst du meine Peitsche fühlen.

Und gib schon her mir deine Sachen.

Die brauchst du nicht! Ist nichts zu machen!“

 

Die Höhle indes war nicht klein.

So paßte allerhand hinein.

Es war von früher eine Feste.

Zu Gerdas Zeit gab’s nur noch Reste.

 

Ein Tunnel ging zum Taubenschlag,

ein andrer Pfad tief unter Tag.

Der war mit einer Tür verschlossen,

wohinter man hörte verdrossen

 

ein Tier sein eignes Schicksal leiden,

Besonders, als es hört‘ die beiden

Mädchen näher kommen dem Stalle,

leidet jenes in seiner Falle.

 

„Komm, schau dir hier mein Rentier an,

das man so sehr gut ärgern kann.

Wenn ich jetzt mit dem Messer komme,

dann zittert es. Die reinste Wonne.

 

So viel Spaß. – Schon zittern seine

Ohren, Seiten und auch Beine.“

Der Gerda tat das Rentier leid,

auch wenn vor Angst es gar nicht schreit.

 

„Erzähl du aber jetzt von Kai

und was an ihm besonders sein“,

fragte entzückt das Räubermädchen.

„Du sagst, ihr kämet aus dem Städtchen?

 

Doch wart, wir gehen erst zu Bett.

Dann mußt du sein zu mir ganz nett.

weshalb ich mich sonst an dir räche,

indem ich mit dem Messer steche

 

dir gleich ein Loch in deinen Bauch.

Dein Leben verrinnt wie der Rauch.“

So sprach Gerda von ihrer Reise.

‘s Räubermädchen schlief ein leise.

 

Während dann schließlich alle schließen,

hörte Gerda, wie Tauben riefen,

daß sie den Kai gesehen hätten.

Darauf könnten sie wohl glatt wetten.

 

„Man sah ihn nördlich von den Lappen,

wo Eisbären sich Robben schnappen,

in einem weißen Schlitten sitzen

und trotz des Pelzes niemals schwitzen.“

 

„Wie denn, ihr lieben Tauben fein,

find ich mich bei den Lappen ein?“

„Das Rentier weiß bestimmt den Weg.

Es kennt dort oben jeden Steg.“

 

Da freute sich die Gerda sehr

und sehnte sich den Morgen her.

als dieser dann war angebrochen,

kam aus dem warmen Bett gekrochen

 

das Räubermädchen ganz geschwind:

„Du bist schon auf, du armes Kind?

Ich hab die Nacht von euch geträumt

und auch zu weinen nicht versäumt.

 

Nun gut, so magst du denn jetzt gehen,

die Schneekönigin anzuflehen.

Mantel und Stiefel laß ich dir.

Doch Muff und Mütze bleiben hier!

 

Sollt ich mir auch die Haare raufen,

durch Eis und Schnee kannst du nicht laufen.

Da kommst du niemals lebend an.

Frag nicht: ‚Wie ich ihr Herz gewann?‘

 

Ich gebe dir das Rentier mit.

So hältst du mit dem Wetter Schritt.

Und grüße deinen Kai von mir.

Und jetzt verschwinde, rat ich dir!“

 

Befreit lief ‘s Rentier ganz behende

mit Gerda Richtung Weltenende.

Doch noch bevor man dort ankam,

die Lappin in Beschlag sie nahm.

 

Sie nahm das Mädchen in die Arme,

als dieses weinte, Gott erbarme.

Noch war man lange nicht am Ziel.

Das Schicksal trieb ein böses Spiel.

 

„Zur Base mein, der Finnin, geht,

die weiß viel besser, wie es steht,

um jenen Weg zum Eispalast.

Bei ihr jedoch macht erst mal Rast,

 

sonst könnt ihr nicht dort überleben.

Ich werd ihr Nachricht von euch geben.“

Sie schrieb auf ein gegerbtes Fell

die Botschaft auf, das ging ganz schnell.

 

Nun zogen die Reisenden weiter,

da wurde das Rentier ganz heiter.

„Siehst du am Himmel das Nordlicht?

Das bringt uns Glück, kein Eis zerbricht.“

 

Es ist im Norden sonderbar,

da dunkel ist, ein halbes Jahr,

das Land, muß man mit Fackeln laufen,

Im Sommer braucht man nichts zu kaufen.

 

Da scheint die Sonne unentwegt,

weil überm Horizont sie steht.

Als Gerda war auf großer Suche,

stand Winter im Kalenderbuche.

 

Inzwischen waren sie soweit,

daß kaum ein Licht war weit und breit.

Nur eine Hütte im Schnee stand.

Es war ein Glück, daß man sie fand.

 

Dort wohnte einst die Finnin drin,

mit einem arg verdrehten Sinn.

Sie trug kein Hemd und keine Hose,

nur eine Decke, die noch lose

 

ihr über beide Schultern hing.

Ansonsten war’s ein schmutzig Ding.

Hingegen warm war es im Raum

und Milch gab es mit heißem Schaum.

 

Dann gab sie beiden noch den Rat,

wie man des nachts zu gehen hat,