Märchen

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Brüderchen und Schwesterchen

 

 

Ein Bruder hatte eine Schwester,

die nannte ihn stets nur: Mein Bester.

Er wiederum, lieb Schwesterlein.

So müßte es wohl immer sein.

 

Auch wäre es wohl wirklich gut,

müßte man nicht sein auf der Hut

vor bitterbösen Anverwandten,

wie Stiefmütter in Märchenlanden.

 

Doch was hilft alles lamentieren.

Aus eigner Not muß man chauffieren

sich selbst heraus, sonst hilft dir keiner

und landest viel zu früh beim Schreiner.

 

Das dachten sich auch unsre beiden,

weil Stiefmutter nicht konnte leiden,

das angenommne Kinderpaar;

sie quälte gar so manches Jahr.

 

Sie hatte Liebe nur für eine

mitgebrachte Tochter. Sonst keine

Spur von Güte und von Zärtlichkeit.

Der Vater starb nach kurzer Zeit.

 

Da nahm das Brüderchen die Hand

vom Schwesterchen und in das Land

hinaus zogen die beiden schnell,

bevor es wurde tageshell.

 

„Wär unsre Mutter noch am Leben,

dann würde es nichts böses geben.

Hier haben wir jedoch nur Not,

nachdem nun auch der Vater tot.“

 

Bald kamen sie in einen Wald,

dort wurde ihnen abends kalt

und hungrig auch. So ganz allein

schliefen die beiden Kinder ein.

 

Am andren Tag, die Sonne schien,

nicht sahen sie die Blumen blühn,

denn durstig war der Bruder sehr.

„Wo krieg ich nur zu Trinken her?“

 

Als sie dann zu der Quelle kamen,

wollt Brüderchen sich sofort laben.

Doch Schwesterchen hat sechsten Sinn:
„Trink‘s nicht! Da ist was böses drin.“

 

Sie hörte nämlich eine Stimme:

„Wer trinkt aus meiner nassen Rinne,

der wird sogleich zum Tigertier

und reißt in zwei dich gleich dafür.“

 

Noch ließ der Junge sich abhalten

zu trinken von dem Naß, dem kalten,

doch bald schon wuchs der Durst heran

in jenem Bub, der noch kein Mann.

 

Ein zweiter Bach entsprang am Berge.

„Lieb Schwesterlein, hör zu, ich werde

jetzt trinken hier von diesem Wasser.“

Die Schwester wurde immer blasser.

 

Sie hatte auch an diesem Ort

vernommen ein geheimes Wort,

das davon sprach, was würde winken,

tät man aus jenem Brunnen trinken.

 

„Ein Wolf wirst du, geliebter Bruder.

Nicht Heu frißt du, kein halbes Fuder,

sondern dein liebes Schwesterlein

mit Haut und Haar, mit Blut und Bein.“

 

Erneut ließ sich vom Trinken halten

der kleine Junge, doch Gewalten 

der unnachgiebigen Natur

sich oftmals grausam und auch stur.

 

So half denn bald kein Flehen, Bitten.

„Ich habe schon so lang gelitten.

In diesen Brunnen, Schwesterlein,

halt ich jetzt meine Lippen rein.“

 

Kaum hat er dieses ausgesprochen

und es getan, kommt er gekrochen

als Rehkitz aus dem Dornenstrauch

mit Hexenlist in seinem Bauch.

 

Das war es schließlich; hört mir zu:

Der Stiefmutter ließ keine Ruh,

daß sie von beiden ward versetzt

und hat mit Gift das Naß benetzt.

 

Wie weinten nun die beiden kleinen.

Kein Glück wollte für sie mehr scheinen.

„Doch auch in unsrer größten Pein

laß ich dich, Reh, niemals allein.“

 

Ihr Strumpfband um den Hals gebunden

und Binsen zu ‘nem Band gewunden,

dieses dem Reh dann angelegt

und dann durch Hain und Wald bewegt.

 

So kam man an ein kleines Haus,

das sah alt, doch bewohnbar aus.

Sie richtete mit flinker Hand

es ein mit dem was sie so fand.

 

Mit Laub und Moos und Haselnüssen

und süßen Beeren nicht zu missen.

Der Morgentau sorgt für das Trinken.

So lassen sie den Mut nicht sinken.

 

Wäre das Brüderchen kein Reh,

der Ort wär ohne Not und Weh.

Jedoch man hat sich eingerichtet,

weil niemand von ihnen berichtet.

 

Das ganze ging ‘ne Zeitlang gut,

dann faßte Brüderchen neu Mut

sich weiter in den Wald zu wagen,

weil Königs Jäger lustig jagen.

 

„Ich möchte zwischen Bäumen springen.

Dort wo die Vöglein fröhlich singen.

Ich möchte laufen durchs Gebüsch

und sehen wie ich schnell entwisch.

 

Ich wäre gern dabeigewesen“,

dem Schwesterchen entfällt der Besen.

„Wenn Hörner schallen durch das Tann. –

Lieb Schwesterlein, ich bin ein Mann!“

 

Die Gute kann es nicht verwinden

und muß das Brüderchen losbinden.

„Doch komm am Abend stets zurück.

Denn du bist ganz allen mein Glück.

 

Und sprich dann an der Türe dort

das wohlbedachte Losungswort:

Lieb Schwesterlein, laß mich herein,

Dann sollst du wieder bei mir sein.“

 

Das Rehkitz versprach es geschwind

und sprang hinaus wie jedes Kind,

dem man des Herzens Wunsch erfüllt,

damit es seine Neugier stillt.

 

Für ein paar Tage ging das so

und jedes Mal war Schwester froh,

wenn abends an des Hauses Pforte

ertönten jene lieben Worte.

 

Doch eines Tages kurz vor acht,

hatte das Rehkitz unbedacht

sich allzu nah hervorgewagt.

Nun weiß es, wie ein Fußschmerz nagt.

 

Der Jäger, der es angeschossen,

hat es dann auch ganz unverdrossen

verfolgt wie jede andre Beute.

So traf er auf das Haus der Freude.

 

Er hörte, wie das Rehlein sprach

und schlich ihm bis zum Fenster nach.

Dort schaute er das Mädchen barmen

und auch das Rehkitz lieb umarmen.

 

Zum König schlich der Jägersmann

und zeigte auf, was man alsdann,

wenn man in jene Hütte will,

dort sagen muß. Sonst bleibt sie still.

 

Und Majestät, noch jung an Jahren,

wollte versuchen zu erfahren,

ob dieses junge Mägdelein

wirklich so schön wie Sonnenschein.

 

Darum mußte er durch die Tür.

Der Bruder konnte nichts dafür,

als er nun wieder will nach draußen,

um vor den Jägern her zu sausen.

 

Der König sah das Kitz von weiten

und ließ Befehle schnell verbreiten,

man gebe auf das Tier zwar acht,

doch Jagd wird darauf nicht gemacht.

 

Als dann der Abend kam heran,

zog sich zurück der Jägersmann.

Der König indes folgte leise

dem Reh auf seiner Heimwärtsreise.

 

Dann klopfte er an den Türbalken

und rief verstellt, daß sie mußt halten

ihn für ihr liebes Brüderlein:

„Laß mich nicht draußen, sondern rein.“

 

Als Schwesterchen jedoch die Pforte

freigab erblickte sie am Orte

nicht Brüderchen, wie sie gedacht,

sondern den König, der sie sacht

 

in seine Arme nimmt und fragt:

„Hat jemand dir schon mal gesagt,

 wie schön du bist auf Gottes Erden?

Willst du nicht meine Gattin werden?“

 

Weil dieser so nett ist und lieb,

dem Mädchen gar nichts andres blieb

als ja zu sagen in der Hütte.

„Allerdings gibt es eine Bitte.

 

Mein Rehlein soll stets bei mir bleiben,

Sonst kannst du deinen Wunsch abschreiben.“

„Gewiß, du Schöne, sei es so!

Was du dir wünscht, macht mich auch froh.“

 

Der König nahm die beiden mit.

Sie auf dem Pferd, das Reh hielt Schritt.

Und auf dem Schlosse angekommen,

wird gleich die Hochzeit wahrgenommen.

 

Inzwischen glaubte die Stiefmutter,

die Kinder wären längst als Futter

wilder Tiere in der Schonung

geendet und als Belohnung

 

für ihre ach so böse Tat,

sucht sie in ihrem Kessel Rat,

ob ihre Tochter Königin

kann werden durch den bösen Sinn.

 

Die Zeit verging, ein Prinz war nah.

Da traf es sich, daß das geschah,

was hätte nie geschehen sollen.

Die Stiefmutter vertauscht die Rollen.

 

Als wieder mal die Jagd begann

und der König die Hatz gewann,

verblieb die Königin im Haus

und ruhte sich im Kindbett aus.

 

In der Gestalt der Kammerfrau,

wußte die Hexe ganz genau,

wie man den Haushalt konnte narren

und ganz allein im Schlafsaal wachen.

 

„Kommt, Königin, das Bad ist recht“,

sprach jetzt verstellt die Hexe schlecht.

„Habt keine Angst, des Kindes wegen.

Wir werden es schon sorgsam hegen.“

 

Der bösen Mutter Tochter war

obwohl verhüllt, doch eines klar,

daß sie, solang die Schwester lebt

sie nie in Königskreisen schwebt.

 

So trugen jene schlimmen Frauen,

die Königin in ihren Klauen

zur Badestube unbeachtet,

während der Prinz in Windeln schmachtet.

 

Im Bad indessen brannten Feuer

als hausten dort drin Ungeheuer.

So mußte Schwesterchen ersticken -

konnt keinen Hilferuf verschicken.

 

Kaum das vollbracht, sprach jene Alte

zu ihrer Tochter: „Schau, gestalte

dein Antlitz hier mit diesem Tuche.

Es täuscht den König beim Besuche.“

 

Und in der Tat, als er heim kam,

die Hexe ihn zur Seite nahm.

„Ihr müßt jetzt schonen eure Frau.

Ein Fieber macht sie schwach und flau.“

 

Nichts übrig blieb dem Herrscher so.

Doch war er über Nachwuchs froh,

daß er sich ließ so leicht abweisen,

um einsam sein Wildbret zu speisen.

 

Als später, so um Mitternacht,

die Kinderfrau am Bettchen wacht,

tat auf die Tür sich ohne Ton

und Königin ging zu dem Sohn.

 

Dabei die Frau nicht sah, das Reh

jedoch und leise sprach: „Oh, weh.“

Dann säugte sie ganz zart ihr Kind

und macht das Bettchen ihm geschwind.

 

Nachdem sie das Reh hat geküßt,

sie wieder stumm gegangen ist.

Am Morgen fragte man die Wache,

doch niemand wußte von der Sache.

 

So ging das viele Nächte lang.

Der Kinderfrau ward‘s langsam bang.

Dann plötzlich sprach die Königin

anscheinend völlig ohne Sinn:

 

„Was macht mein Kind? Was macht mein Reh?

Nur zweimal ich sie wieder seh.

Dann komme ich nie mehr zurück

und fort ist unser aller Glück.“

 

Das hielt die Kinderfrau nicht aus.

Sie sprang am Morgen durch das Haus

zum König hin und gab Berichte.

Der wollte selbst sehn die Geschichte.

 

Gerade als die Kirchturmuhr

zwölf Stunden schlug verließ den Flur

die Königin in jener Weise

und sprach hiernach wieder ganz leise:

 

„Noch einmal komme ich gegangen,

weil großes Unglück angefangen.

Dann muß für immer ich weggehen

und niemand wird mich wiedersehen.“

 

Der König selbst getraute nicht

sie anzusprechen bei dem Licht,

daß sich durchbrach durchs hohe Fenster.

Vielleicht glaubte er an Gespenster?

 

Jedoch als nachts darauf der Schritt

sich wiederholte, litt er mit

der Königin und trat zu ihr.